Leverkusen: Blind durch die Stadt
VON MARION MEYER - zuletzt aktualisiert: 04.09.2010Leverkusen (RPO). Günter Kamolz, selbst sehbehindert, will Führungen anbieten für Menschen, die neugierig darauf sind, wie es ist, nichts zu sehen und ihre Sinne schärfen wollen. Die Erfahrung zeigt: Vor allem Straßen zu queren, ist ein Problem.
Infos und Anmeldung
Die Führungen von Günter Kamolz finden ab dem 11. September statt. Infos und Anmeldung unter Tel. 02171 33220, Email lev@blindestadt.de, Internet: www.blindestadt.de
Wie kann ich eine Straße überqueren, wenn ich nichts sehe? Wie finde ich als Blinder die nächste Bäckerei? Das alles sind alltägliche Fragen, mit denen sich Günter Kamolz befasst – befassen muss, denn er besitzt nur noch acht bis zehn Prozent Sehfähigkeit. Ein erblicher Netzhautverfall lässt ihn allmählich erblinden. Um anderen zu vermitteln, wie man als Sehbehinderter zurechtkommt und seine Stadt erlebt, aber auch, wie man als Gesunder seine Sinne schärfen kann, will er Führungen in Leverkusen anbieten.
Schlafbrillen für Sehende
Mit seinem Mobilitätstrainer im Berufsförderungswerk Düren entwickelte der Bergisch Neukirchener die Idee. Mit Schlafbrillen können auch sehende Menschen erfahren, wie es ist, sich in ewiger Dunkelheit zurechtfinden zu müssen. Was in der eigenen Wohnung vielleicht noch geht, wird draußen, zumal im Straßenverkehr, zum Problem. Bereits drei erste Probeführungen hat es gegeben. "Die Teilnehmer waren sehr beeindruckt", erzählt Kamolz. "Einer hat sogar geweint."
Obwohl die Führungen auch für Blinde geeignet sein sollen, richten sie sich in erster Linie an Sehende. Zehn bis zwölf Menschen können an einer Tour teilnehmen. Man geht immer zu zweit zusammen, der ohne Schlafbrille führt den mit. Nach der Hälfte der Zeit tauschen sie die Rollen.
Gestartet wird an der Herz-Jesu-Kirche in Wiesdorf. Eine gute Stunde will Günter Kamolz die Leute leiten. Doch es soll keine Stadtführung im klassischen Sinn sein. "Ich erzähle zwar auch etwas über die Stadt, aber auch Anekdötchen und Geschichten. Meine Persönlichkeit bringe ich stark mit ein", erzählt der muntere 54-Jährige, der offensichtlich gerne lacht.
Die Tour führt vorbei an Skulpturen, die angefasst werden dürfen – auch das ein Erlebnis, das man im Museum normalerweise nicht bekommt. "Die Führung richtet sich an Leute, die neugierig auf das Erlebnis, die offen und interessiert sind an ihrem Gegenüber", erklärt Kamolz, der nur noch eingeschränkt auf dem Bau arbeiten kann, obwohl er eigentlich kaufmännischer Angestellter war. Die Umstellungen in seinem Leben fallen ihm schon schwer, aber: "Man muss es halt nehmen, wie es kommt."
In seinem "Dorf" (Bergisch Neukirchen) kennt er sich aus und kommt gut zurecht mit seinem Langstock. "Aber wenn es auf meinem Weg eine neue Baustelle gibt, bin ich aufgeschmissen", sagt er. Die Blindenschrift muss er sich mühsam erarbeiten. Irgendwann möchte er auch einen Blindenhund haben, aber auch damit muss man lernen, umgehen zu können.
Was war für die Teilnehmer seiner Führung die beängstigendste Erfahrung am Blindsein? "Straßen zu überqueren, wenn man die Autos nicht sieht", berichtet Kamolz. Oder auch Fahrräder, die an einem vorbei sausen, ohne dass man sie hört. Beglückend war dagegen die Erfahrung, eine Bäckerei im Vorbeigehen riechen zu können. "Das Konzept ist noch ausbaufähig", sagt Kamolz. Gerne nimmt er Anregungen von Teilnehmern auf.
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