Leverkusen: "Die Bierbörse ist überflüssig"
VON LUDMILLA HAUSER - zuletzt aktualisiert: 12.08.2010Leverkusen (RPO). Nicht jedem ist das Gerstensaft-Spektakel willkommen. Die Suchtberatung Leverkusen fürchtet, dass das Risiko auf so einer Veranstaltung rückfällig zu werden, gegeben ist. Die Guttempler sorgen sich um zu lasche Jugendkontrollen.
Wenn Iris Gilles auf Werner Nolden treffen würde, hätte sie ihm einen Satz zu sagen: "Halten Sie die Kontrollen von Jugendlichen konsequent und ohne Ausnahmen durch." Für Iris Gilles, die der alkoholfrei lebenden Gemeinschaft der Guttempler angehört, ist die Bierbörse, die morgen mit dem Fassanstich beginnt, "eine Werbeveranstaltung für die Alkoholindustrie". Die man zwar nicht verhindern könne, aber wegen der die Leverkusenerin sich Sorgen macht – um die Jugendlichen. "Ich habe jahrelang in Opladen gewohnt. Da habe ich die Kolonnen von Jugendlichen gesehen, die bereits mit Bierflaschen zur Veranstaltung gepilgert sind. Ich hoffe, dass da jetzt eine absolute Kontrolle herrscht, damit Jugendliche geschützt werden."
Der Alkohol, sagt Gilles, habe hierzulande mittlerweile einen so hohen Stellenwert, "dass selbst ein Grundschulfest nicht mehr ohne auskommt, dass bei einem St.-Martinsfest im Kindergarten Glühwein dazugehört". Als sie die Frage, ob das sein müsse, in der Grundschule, in der sie arbeitet, stellte, holte sie sich "blaue Flecken".
Die Bierbörse ist ein Risiko
Das gehöre dazu, weil sonst die Gäste, die Eltern nicht mehr kämen. "Obwohl an Schulen schon Fälle vorgekommen sein sollen, in denen Eltern zu tief ins Glas schauten und prompt vergessen haben, ihre Kinder mit nach Hause zu nehmen", berichtet die Guttemplerin. "Die Vorbildfunktion ist heute leider ganz oft nicht mehr gegeben", sagt Gilles. Sie findet es bedenklich, dass Leute nicht einmal zwei, drei Stunden auf einer Feier ohne Alkohol auskommen, und befürchtet, dass die Bierbörse auf jeden Fall eine Gefahr für Leute darstellt, die ein Alkoholproblem haben. "Da ist die Bierbörse ein Risiko."
Das sieht auch Heinrich Glaser, Leiter der Suchthilfe Leverkusen so. Der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie sagt, dass der Reiz, rückfällig zu werden, auf Veranstaltungen wie der Bierbörse zweifelsfrei da sei. "Das Sprichwort: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, hat seine Berechtigung", sagt Glaser. Für Leute mit Alkoholproblem sei die Bierbörse ein festes Ereignis im Jahreskalender wie für andere Weihnachten. Den Menschen, die die Suchtberatung betreut, rät Glaser, das Fest zu umgehen. Für ihn steht wie für Iris Gilles fest, die Bierbörse ist überflüssig.
Die Kontrollen kosten 10 000 Euro
Wenn Werner Nolden auf Iris Gilles treffen würde, stimmten die beiden in einem Punkt überein: die Kontrolle der Jugendlichen. "Ich bin der erste Veranstalter, der so etwas eingeführt hat – uneingeschränkt", sagt Nolden. Der Aufwand für die Kontrollen koste ihn rund 10 000 Euro. "Dafür habe ich dann Ruhe auf dem Fest. Auf der Internetseite der Bierbörse weist der Veranstalter ausdrücklich darauf hin: "Der Ausschank von alkoholischen Getränken an Jugendliche oder bereits stark alkoholisierte Personen wird sofort – ohne Ausnahme – zur Anzeige gebracht bzw. der Teilnehmer wird sofort, ohne weitere Abmahnung, von der Veranstaltung ausgeschlossen. Ein Jugendschutzgesetz ist gut sichtbar in jedem Bierstand aufzuhängen."
Nolden: "Die Jugendlichen meinen, sie würden Lücken in der Kontrolle kennen, aber selbst da erwischen wir sie noch."
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