Leverkusen: Flügel – bespielt und behämmert
VON OLAF WEIDEN - zuletzt aktualisiert: 10.11.2009Leverkusen (RPO). Dass ein Pianist die Tasten nicht trifft, aber gewaltig auf die Klaviatur trommelt – zu Mozarts Zeiten hätte das für Buhrufe gesorgt. Beim Jazztage-Klavierabend "Piano today" begeisterte gerade das Unkonventionelle die Gäste.
Heutige Pianisten müssen schon mal richtig zulangen können – der Eindruck entstand bei der aktuellen Leistungsshow "Piano today" auf den Leverkusener Jazztagen. Und ein bisschen Ethno-Einschlag bekommt der Ware auch gut.
Die Skandinavier haben seit Jahrzehnten große lyrische Stimmen des Jazzpianos geboren. Eine willkommene Mischung aus kubanischem Bassfundament, deutscher Schlagfertigkeit an der Batterie und virtuoser Tastenleidenschaft präsentierte der schwedische Pianist Martin Tingvall mit seinem Klaviertrio. Er setzt auf kraftvolle Trioarrangements, die richtig Dampf machen und damit Grenzgänger aus Pop und Rock anlocken – ohne auf elegische Balladen zu verzichten.
Moderne Klaviermusik
Dass bei moderner Klaviermusik nicht unbedingt Tasten heruntergedrückt werden müssen, beweist etwa Musiker John Cage mit seiner Schweigekomposition "4'33" in drei Sätzen. Dabei herrscht völlige Stille. Bei der Uraufführung im Jahr 1952 in den USA zeigte der vortragende Pianist Anfang und Ende der einzelnen Sätze durch das Auf- und Zuklappen des Klavierdeckels an. Die Spieldauer betrug vier Minuten und 33 Sekunden. Daher rührt der Name.
Heftige Tastenattacken
Diesen Grundbausatz verfolgte auch der in der dominikanischen Republik aufgewachsene Klaviervirtuose Michel Camilo. Nach seinen Raketenfahrten über die Tastatur und seinen gehämmerten Oktavläufen löst der Abschlussakkord eines Stückes regelmäßig eine Sprungfeder in seiner Klavierbank aus: Wie ein Springteufel schießt er nach oben und wippt im Stehen nach. Seine Attacken auf die Tasten des Flügels sind oft gewalttätig, seine Trefferquote liegt weit unter 100 Prozent. Das bleibt unwichtig, denn es geht nur um die Power und das unwiderrufliche Einstanzen musikalischer Information. Solche Kraftakte übertragen sich akustisch und optisch.
Als Gegenpole flüsterte Camilo melodische, von Klassik behauchte Zwischenspiele zur Abspannung. Dabei stößt seine Anschlagskultur recht schnell auf Grenzen, die seine Trommelwirbelschlagtechnik im Fünffachforte-Fach rekordverdächtig sprengt. Seine Energie reichte auch ohne Begleiter für eine mitreißende Solo-Show.
Roberto Fonseca, Hutträger wie der Festivalchef, benötigt zum Anrichten seiner jazzigen Cuban-Mixtur gleich ein Quintett. Kommt aus dem Buena Vista Social Club-Fahrwasser meist nur lauwarmes Soda, so spielt dieser junge Mann am Klavier hörenswert perlende Läufe und jazzige Phrasierungen. Popularisiert wird das durch viel Perkussion von Joel Hierrezuelo und Ramses Rodríguez oder durch vom Bandchef selbst mit Kopfstimme vorgetragene schlichte Melodien, die wirkungsvoll traurig über rauschendem Arrangement fliegen – ein anrührendes Konzept seit der Barockzeit.
Hochwertiges Pausenfüller-Trio
In einer Pause leuchtete für ein kurzes Set "3 Peas" auf, ein spanisch-deutsch-norwegisches Klaviertrio aus Berlin. Die durchweg 22-jährigen Jungjazzer lieferten direkten urbanen Sound, angereichert mit Einspielungen und inspirierten Improvisationen. Der Pausenfüller im kleinen Agamsaal war überraschend schlecht besucht, dafür aber hochwertig: Spiegel des zeitgenössischen Kunstbetriebs.
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