Leverkusen: Schmickler appelliert an penetrante Lockerheit
VON JULIA BERTENBURG - zuletzt aktualisiert: 26.08.2010Leverkusen (RPO). Wer sich in eine Vorstellung von Wilfried Schmickler setzt, weiß, was ihn erwartet: Kabarett, das nichts und niemanden verschont und gnadenlos und bitterböse auf die Missstände in Politik und Gesellschaft aufmerksam macht. Schmicklers neues Programm mit dem einprägsamen Titel "Weiter", das er bei einer Vorpremiere im Matchboxtheater präsentierte, macht da keine Ausnahme.
Der Kabarettist schimpft über die Bundesregierung – die "schwarz-gelben Blindgänger" – und "seelenlose Politiker, die so agieren, als seien sie herangezüchtet worden und hätten das jeweilige Parteiprogramm ins Gehirn gepflanzt bekommen".
"Beleidigte Leberhorst Köhler"
Seine Wut richtet sich vor allem gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Es gehört zu den Rätseln der Zeit, warum diese Frau immer wieder gewählt wird." Auch der "beleidigte Leberhorst Köhler" bekommt sein Fett weg: Vielleicht sei der ehemalige Bundespräsident "einfach nicht locker genug gewesen, deshalb ist er auch zurückgetreten." Denn schließlich herrsche seit dem Erfolg beim Grand Prix und bei der Fußballweltmeisterschaft eine penetrante Lockerheit in der Republik, Stichwort "Schland"-Rufe.
Schmickler teilt wie immer schonungslos aus, auch wenn er damit oftmals an die Grenze des guten Geschmacks stößt und so manchem das Lachen im Halse stecken bleibt. Etwa, wenn der Sprachkünstler über die Gier der Menschen und die Ignoranz in der Gesellschaft mit solch einer Eindringlichkeit poltert, dass alles im Raum verstummt und schließlich anerkennender Applaus einsetzt. Zwischendurch greift der in Hitdorf aufgewachsene Kabarettist zum Mikrofon. Schmickler plädiert für weniger Häme und mehr Respekt für Griechenland, fragt sich, warum es in den Zügen der Deutschen Bahn kein Sprechverbot gibt und schlägt sich auf die Seite der "Individuen in der Gesellschaft, die wegen ihres Berufsstands geächtet werden, allen voran die Lehrer." Als der Kabarettist das Thema Rauchen anschneidet, verzichtet er auch nicht auf einen kurzen "Loki und Smoky" – Dialog, wie man ihn von Schmicklers Auftritten mit Uwe Lyko alias Ruhrgebiets-Opa Herbert Knebel bei den "Mitternachtsspitzen" gewohnt ist.
Schließlich rechnet Schmickler mit der katholischen Kirche ab: "Ich bin katholisch getauft, aber kein zahlendes Mitglied mehr. Ich bin ja auch nicht bei der Mafia oder anderen kriminellen Organisationen."
Der poltende Prediger
Die Bühne verdunkelt sich, und Schmickler gibt sich als lüsterner Pfarrer bei der Beichtabnahme eines Jungen, mit verzerrtem Gesichtsausdruck und Augen, in denen geradezu der Wahnsinn aufblitzt.
Nach gut zwei Stunden Dampfablassen, Sticheln und Schimpfen in rasantem Tempo verwandelt sich der polternde Prediger in einen Menschen, der mit angenehmer, fast zurückhaltender Stimme dem Publikum für dessen Geduld dankt, die Bühne verlässt, nur um Sekunden später, den Kopf durch den Vorhang steckend, zu verkünden: "Das Bier geht auf mich!"
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