Leverkusen: Stadt: 1400 Kinder "potenziell verwahrlost"
VON ROMAN ZILLES - zuletzt aktualisiert: 27.02.2009Leverkusen (RPO). Als hätte Rainer Gurk nicht schon genug knifflige Fälle zu lösen. Einerseits schlägt sich der Leiter des Fachbereichs Kinder und Jugend mit den Nachwehen der Einführung des Kinderbildungsgesetzes herum, das die Kräfte in den unterbesetzten Einrichtungen täglich an den Rand der Erschöpfung bringt.
Eine "Bürokratie-Monster"
Anderseits zerbricht sich der Jugendamtsleiter den Kopf, wie bis 2013 1000 zusätzliche Plätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden sollen, so wie es das Kinderförderungsgesetz vorsieht. Als wäre das nicht genug, tut sich vor Gurk schon das nächste Aufgabenfeld auf: ein Warnsystem, das möglichst frühzeitig verwahrloste Kinder in Familien aufspüren soll.
So sinnvoll die angedachte Maßnahme auch ist, so aufwändig könnte sie sich in der Praxis gestalten. Gurk erwartet ein "Bürokratie-Monster". Denn das Land plant eine Überprüfung, ob Eltern die angeratenen (aber nicht verpflichtenden) U-Untersuchungen beim Kinderarzt wahrnehmen. Ist der Datenabgleich des Landes erfolgt, würde die Stadt eine Liste erhalten, auf der die Namen stehen, die bei den Vorsorge-Checks gefehlt haben.
Erfahrungsgemäß "schwänzt" ein Fünftel der Eltern die U-Untersuchungen. Resultat: "Wir bekommen eine Liste mit 1400 Namen potentiell verwahrloster Kindern", sagt Gurk. Was damit zu tun ist, soll ganz allein den Kommunen überlassen bleiben. Freude über so viel Freiheit bricht nicht aus. Vielmehr hat das Nachdenken eingesetzt, wie mit der Liste zu verfahren ist.
"Bei Familien, die ohnehin bei uns in Betreuung sind, ist es kein Problem, diese über Sozialarbeiter anzusprechen", meint Gurk. Einen weiteren beträchtlichen Teil werde man wohl über Kindergärten und Schulen erreichen.
Alle anderen Familien werden vermutlich einen Brief erhalten, in dem sie gebeten werden, die Untersuchungen wahrzunehmen. "Aber dazu können wir niemanden zwingen", merkt Gurk an. Also schwebt dem Fachbereichsleiter so etwas wie ein flächendeckendes Hausbesuchssystem vor.
Ähnlich den ehrenamtlichen Besuchspaten, die in Schlebusch Familien mit Neugeborenen beratend zur Seite stehen. Bei konkreten Alarmierungen seien aber weiter Fachkräfte (Gurk: "Sie sind binnen einer Stunde vor Ort") im Einsatz.
33 konkrete Problemfälle
Bislang konnten die Stadtmitarbeiter den Verdachtsfällen noch in Eigenleistung nachgehen. 98 Verdachtsfälle wurden der Stadt im vorigen Jahr mitgeteilt, in einem Drittel der Fälle habe es "konkrete Fehlentwicklungen" gegeben.
Durch die erhöhte Sensibilisierung der Gesellschaft und das strengere Hingucken der Ämter hat sich auch die Anzahl der Heimkinder in Leverkusen erhöht. Waren sonst im Schnitt 95 in den Einrichtungen untergebracht, waren es zuletzt 120. Auch das bringt steigende Kosten für die Stadt Leverkusen mit sich.
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