Brandanschlag in Leverkusen: Stimmung im Viertel gereizt
VON PETER BÖTTNER - zuletzt aktualisiert: 26.07.2011Leverkusen (RP). Bei einem Brandanschlag auf ein Mehrfamilienhaus in der Carl-Leverkus-Straße kam am Montag die dort lebende Großfamilie Goman mit dem Schrecken davon. Doch die Stimmung im Viertel ist gereizt.
Die Familie hält zusammen. Auch und gerade in schlechten Zeiten. Das ist bei den Gomans nicht anders als bei anderen Familien. Doch wenn die Gomans zusammenkommen, dann stehen schnell 50 und mehr Personen beieinander. Es wird viel gestikuliert, laut diskutiert, die Kulisse bilden Nobelkarossen und umherwuselnde Kinder.
Es ist der Morgen nach dem Brandanschlag, und die Gomans wollen diesen Angriff auf ihr Leben einordnen. "Das waren die Rechten. Die werden aufgehetzt. Das ist eine Kampagne gegen uns. Und das Ergebnis haben wir jetzt zu spüren bekommen", sagt Olli Goman, der mit seinem Bruder die Geschicke der Großfamilie lenkt.
Molotow-Cocktail
Molotow-Cocktail ist eine Sammelbezeichnung für einfache Wurfbrandsätze, wie sie bei Aufständen oder Krawallen für Brandanschläge verwendet werden. Der Name geht auf Wjatscheslaw Molotow, sowjetischer Regierungschef und Außenminister unter Stalin, zurück.
Tatsächlich weckt die Tat Erinnerungen an rechtsradikale Übergriffe, wie sie in Solingen 1993 fünf Menschenleben forderten. Gegen 0.20 Uhr flogen am Montag in Wiesdorf mehrere Molotow-Cocktails durch die Fenster im Erdgeschoss, binnen Sekunden stand die angrenzenden Zimmer lichterloh in Flammen. Neun Personen waren zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung, weitere zehn in den anderen Etagen. Alle konnten sich ins Freie retten.
Wer hinter den Anschlägen steckt, ist nach derzeitigem Ermittlungsstand der Polizei völlig offen. Doch unabhängig davon steht die erste Erkenntnis des Angriffs bereits fest: Die jetzige Situation im Viertel an der Carl-Leverkus-Straße hat keine Zukunft. "Die Stadtverwaltung muss handeln. Es kann nicht sein, dass unweit des Zentrums ein rechtsfreier Raum besteht", fordert Jürgen Scharf, der den Stadtteil für die Freien Wähler im Rat vertritt.
Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn bekam am Vormittag zu spüren, welches Ansehen er vor Ort genießt. Bei dem Versuch, der Familie Goman seine Anteilnahme auszusprechen, musste er vor wüsten Beschimpfungen zurückweichen. "Sitzbänke abzumontieren, um den Gomans das Treffen auf öffentlichen Plätzen zu erschweren, ist kein tragfähiges Konzept für ein Miteinander", sagt Scharf. Tatsächlich fühlt sich die Roma-Familie ebenso missverstanden wie die unmittelbare Nachbarschaft. "Wir sind keine Mafia", sagt Olli Goman, "aber wir werden teilweise wie Verbrecher behandelt."
Auf der anderen Seite stehen Geschäftsinhaber, Mieter und Politik. "Es braucht keine rechte Gesinnung, um auf die Zustände im Viertel allergisch zu reagieren", sagt Scharf, der von Pöbeleien, lauten Feiern und aggressivem Auftreten der Familie erfahren hat. "Aber es gibt nichts, ich betone, nichts, was so einen Anschlag rechtfertigt", sagt der Politiker. Am Abend bezog Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn im Stadtrat Stellung. Leverkusen sei eine weltoffene Stadt, sagte er, die Anschläge verurteilte er scharf.
Wer sich am Montag allerdings rund um die Carl-Leverkus-Straße unter den Anwohnern umhörte, stieß nicht nur auf Anteilnahme. Viele sahen in dem Anschlag den bereits erwarteten Knall im Pulverfass.
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