Opladen: Unästhetisch genial
VON TOBIAS KRELL - zuletzt aktualisiert: 15.08.2007Opladen (RPO). Der „Meister“ Guildo Horn kredenzte 20 000 Fans einen würdigen Bierbörsen-Abschiedsabend mit allem, was er samt seiner Orthopädischen-Strumpf-Kapelle zu bieten hat: Schlager, Schweiß und schrille Show.
Dieser Mann ist ein absolutes Phänomen. Einem Vergleich mit den Stars der Zahnspangengeneration hält er rein optisch alles andere als stand: Schmer- statt Waschbrettbauch, ein von den Jahren bereits gezeichnetes Gesicht anstelle von jugendlich-ebenmäßigen Zügen und ein Mix von ausgeprägter Glatze und langem Haupthaar als Ersatz für trendige Gelfrisuren. Und doch versetzt Guildo Horn Jahr für Jahr die Besucher der Opladener Bierbörse in kollektive Ekstase, vergleichbar höchstens mit dem Hochgefühl junger Mädchen beim Auftritt von Gruppen wie „US 5“ oder vor Jahren „Take That“.
Guildo besinnlich
Am 26. Dezember kommt der exaltierte Nussecken-Guildo wieder nach Opladen. Bei Werner Noldens „Leverkusen on Ice“ spielt er mit seiner Band „Die Orthopädischen Strümpfe“ ein Weihnachtskonzert. Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Bei der Bierbörse 2008 tritt der „Meister“ wie gewohnt wieder montags auf.
Grenzenloser Horn-Rausch
Horst Köhler, der bürgerliche Name des Schlager-Barden mit der Vorliebe für Nussecken entspricht tatsächlich dem des Bundespräsidenten, albert hinter der Bühne noch herum – als die Fans – 15 000 bis 20 000 waren’s – in und um das Festzelt bereits in steigender Lautstärke nach ihm verlangen. „Meister, Meister“ rufen sie ihn und: „Wir wollen den Meister sehen“. Als der begehrteste Mann des Abends zum 13. Mal die Bierbörsen-Bühne in Opladen betritt, kennt der Jubel keine Grenzen.
Gleich von Beginn an hat Horn die Zuschauer in der Hand. Seine öfter wiederholten Fragen „Könnt ihr noch?“, „Wollt ihr mehr?“ – zu stellen bräuchte er sie nicht und tut es wohl nur, um sich an der in einer unbeschreiblichen Phonzahl im Kollektiv vorgetragenen Antwort zu ergötzen. „Macht die Windmühle“, „Seid Tannenbäume“, „Hüpft wie Häschen“ – kaum ein Befehl, der von den Fans nicht in die Tat umgesetzt wird. Und einige glühende Verehrer des Meisters schlagen für ihn sogar einen Purzelbaum.
Mit Jubel und „Ausziehen, ausziehen“-Rufen quittiert die Menge es, wenn sich Horn eines seiner Kleidungsstücke entledigt, obgleich der Anblick des Sängers mit verschwitztem freien Oberkörper ästhetisch nicht zu überzeugen weiß.
Der Rest ist eine Reise durch die Geschichte der Schlagermusik von den Flippers („Aber dich gibt’s nur einmal für mich“) und Katja Ebstein („Wunder gibt es immer wieder“) über Udo Jürgens („Ich war noch niemals in New York“) und Michael Holm („Tränen lügen nicht“) bis hin zu Dschingis Kahn („Moskau“) und Howard Carpendale („Ti amo“).
Garniert wird das in den beiden letzten der drei Zugaben mit verswingten Stücken wie dem Cover von Wolfgang Petrys „Wahnsinn“ und einer Festtagsversion von „YMCA“, das in „Singt: Es weihnachtet sehr“ umgetextet wurde. Eine Verknüpfung von Horn zum Weihnachtskonzert in Opladen.
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