Leverkusen: Wo die blaue Nicole sich ihren Weg sucht
VON TOBIAS KRELL - zuletzt aktualisiert: 15.08.2009Leverkusen (RPO). Es klingt ein bisschen nach Geisterzügen, die scheinbar ohne fremde Hilfe auf Gleisen, pardon in Fachkreisen heißen die ja Rangierstraßen, durch die Gegend zuckeln. Aber es ist nur die Automatik, die die Waggons für ihre Transportaufgaben im Chempark steuert. Ein Blick auf den Rangier-Bahnhof.
Den höchsten, niedrigsten, östlichsten und westlichsten Punkt des abwechslungsreichen Stadtgebietes, hat die Rheinische Post in Serie "Leverkusen extrem!" bereits vorgestellt. Heute geht es in den Süden und damit zu einem Ort, der ohne Genehmigung nicht zu erreichen und ohne fachkundige Begleitung nicht ganz ungefährlich ist. Die äußerste Südspitze der Stadt liegt im Chempark, mitten auf der Drehscheibe für alle Waren die per Schiene auf das und aus dem Industrieparkgelände gelangen.
III
leverkusen Einige der markantesten Stellen des Chemparks sind von diesem Punkt aus zu sehen. Der Schornstein des Kraftwerkes mit seinem senkrecht geschriebenen "Bayer"-Schriftzug oder das einstige Verwaltungs-Hochhaus, dessen Medienfassade bald strahlend Werbung machen soll für den Konzern.
Der "Aspirin-Express"
Schienenverkehr hat auf dem ehemaligen Werksgelände eine lange Geschichte. Seit 1898 verkehren in diesem Bereich Züge. Bis 1971 gab es sogar Personenverkehr. Von Mülheim fuhr ein von Bayer-Bahnern in Uniform begleiteter und im Volksmund "Aspirin-Express" genannter Zug (ein Triebwagen hieß "Blauer Enzian") zwischen Mülheim und dem Bayer-Werk.
Blickrichtung Waschanlage
Erst auf Nachfrage erschließt sich die Bedeutung der direkteren Nachbarn des Rangier-Bahnhofes: Gleich neben aufgegebenen Rundsilos stehen zahlreiche weiße Container. Sie enthalten den mobilen Hochwasserschutz, der den Chempark im Notfall vor dem Rhein bewahren soll, der weiter hinten hinter Bewuchs nur zu erahnen ist. "Dort drüben befindet sich die Waschanlage für Kesselwagen", berichtet Norbert Juengling. Er ist bei Chemion als "Business Development Manager" für den Bereich "Marketing and Sales" zuständig – und damit auch für den Bahnhof. In dem herrscht einiger Betrieb. Einer der größten Triebwagen (Loks) – ein blaues Exemplar, das auf den Namen "Nicole" getauft wurde – rollt gerade schwer behangen mit vielen Anhängern in Richtung X34, diese Werkshausnummer hat die Schaltstelle des Bahnhofs.
"Dort können die Waggons gewogen werden. Benötigt wird jetzt mit Sicherheit nicht der ganze Verbund", sagt Juengling voraus.
Er behält Recht. Ein einzelner Waggon löst sich vom Ende und rollt – begleitet von einem Mitarbeiter – zurück. Durch eine der 35 Weichen findet er automatisch seinen Weg auf das richtige der 24 Gleise (zusätzlich gibt es noch acht Abstellgleise). Die heißen übrigens bei Fachleuten Rangierstraßen. Einen anderen Weg nimmt nun ein Verbund von fünf Waggons. "Sie werden nicht benötigt", sagt der Chemion-Manager. Dafür der einzelne, der nun folgt und dem ersten Waggon Gesellschaft leistet auf einem der Gleise, von dem ihn sein Weg in Kürze schon zu einer der rund 50 Entladestellen im Werk bringt. Auf den unterschiedlichen Gleisen warten zahlreiche Waggons auf den Moment, in denen sie bei einer der Firmen im Chempark benötigt werden. Die äußersten drei Gleise im Westen des Bahnhofes sind die Verbindung zum öffentlichen Schienennetz.
Die 117 Weichen der Currenta
Obwohl Chemion für den Zugverkehr auf den über 30 Kilometern Gleis im Chempark (davon rund zehn Kilometer im Rangierbahnhof) zuständig ist, gehören die Gleise selbst und die 117 Weichen dem Parkbetreiber Currenta, einer Tochterfirma von Bayer und Lanxess. Über das Jahr werden im Ein- und Ausgang stolze 20 000 Waggons verzeichnet. Aneinandergereiht ergäbe das (ohne Lok) einen Zug von 280 Kilometer Länge.
Es gibt eine Menge zu sehen von Leverkusens südlichster Stelle aus. Sie liegt vom Rhein aus gesehen in Höhe des Japanischen Gartens, relativ mittig auf dem Gelände des Rangierbahnhofs, dessen Fläche sich darum zum Teil auf Leverkusener, zum Teil auf Kölner Grund befindet.
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