Boxen: Verzicht als Chance
VON UDO BONNEKOH - zuletzt aktualisiert: 25.11.2008Leverkusens einst ruhmreiche Boxer beteiligen sich nicht mehr an Ligakämpfen mit einer Mannschaft. Die Nachwuchsförderung hat Priorität. René Krause ist und bleibt das Aushängeschild im Seniorenbereich.
Da ist ein gewaltiges Stück deutscher Sport-Historie komprimiert. „Hall of fame“ nennen die Leverkusener Boxer eine ihrer Seiten im Internet. Und in dieser Ruhmeshalle des Faustkampfs lässt sich fröhlich in Erinnerungen schwelgen. Da sind die nationalen Meister von einst verzeichnet, Medaillengewinner bei EM und WM sowie bei Olympia, angefangen bei Reinhard Skriczek 1976 bei den Spielen in Montreal. Acht nationale Titel für die Bayer-Staffel sind dort ebenfalls aufgelistet.
Prominente Namen
Und wer die Namen durchgeht von Peter Hussing über René Weller, Darius Michalczewski bis zu Adnan Catic (heute Felix Sturm), bekommt zumindest eine leise Ahnung davon, welche Größen des Boxsports sich früher oder später im Leverkusener Ring getummelt haben. Und heute? „Die Zeiten verändern sich“, sagt der altgediente Abteilungsleiter Günther Kitzinger, ein Jurist, „ich hänge dem Damals nicht nach. Wir haben uns auf andere Bedingungen einzustellen.“
Andere Bedingungen? Im Spätherbst ist immer die Zeit gewesen, mit den Mannschaftskämpfen zu beginnen, sich um Team-Titel zu bemühen. Früher machten das die Leverkusener mit großem Erfolg in der Bundesliga, nach dem finanziellen Schnitt des Konzerns in der Oberliga. Nun bleibt nicht mal mehr das. „Eine Mannschaft für die Oberliga zu melden macht keinen Sinn“, sagen Mario Gruben, der Geschäftsführer, und Jörg Heidenreich, der Trainer, übereinstimmend.
Neulich bei den Deutschen Meisterschaften in Straubing, wo das derzeitige Leverkusener Aushängeschild René Krause Dritter geworden ist, haben die Vereine versucht, einen tragenden Plan für die Oberliga zu fixieren. Einheitlich wurde der abgesegnet. „Ein paar Wochen später hat mich der verantwortliche Mann beim Verband angerufen und mir mitgeteilt, das Beschlossene werde verworfen“, erzählt Mario Gruben, der nationale Meister von 1984 im Leichtgewicht. Seine Antwort am Telefon: „Dann aber ohne uns.“
Im Verzicht auf die Ligakämpfe, die in der letzten Saison nicht selten zu einer Farce gerieten, sehen die Leverkusener eine Chance, die Gelegenheit, sich in quasi privaten Vergleichen mit adäquaten Gegnern aus dem In-und Ausland zu messen. Und vor allem sehen sie die Chance, den Nachwuchs voranzubringen. Das ist das einzige Kapital, das geblieben ist über Krause hinaus, der jüngst Bronze geholt hat bei der EM in Liverpool in der Klasse bis 81 Kilo.
„Die Jungs bei uns entwickeln sich sehr positiv“, sagt Mario Gruben, der im Konzern in der Revision tätig ist, und nennt Oliver Goman und Ikram Yuldashev. Das sind 15-jährige Youngster, die in ihren Klassen die Deutsche Meisterschaft erkämpft haben. Im Seniorenbereich sieht es eher mau aus, da herrscht ein Kommen und Gehen, von geregeltem Training halten lediglich Krause viel und noch Tahir Uzun.
Ihre neue Heimat haben die Boxer nun in einem überschaubaren Raum in der Dopatka-Halle gefunden. Die Haberland-Halle, früher Schauplatz großartiger, packender Ring-Gefechte vor Zuschauern aus dem gesamten Bundesgebiet, wird ja bald abgerissen. Auch ein Stück Historie.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum