Remscheid: Camp statt Jugendarrest?
VON SOLVEIG PUDELSKI - zuletzt aktualisiert: 04.01.2008Remscheid (RPO). Sind Erziehungscamps für junge Straftäter der richtige Weg? Jugendrichter Rainer Hamann hält sie für sinnvoll – aber nicht mit Drill nach amerikanischem Vorbild. In Remscheid zeigen andere Modellprojekte Erfolge.
Viele Täter sind jung
31 Prozent der Tatverdächtigen (Straftaten in der Zeitspanne Januar bis November 2007) waren unter 21 Jahre alt. Ihr Anteil liegt im Bereich Körperverletzung bei rund 50 Prozent – Tendenz steigend. Bei Raub/Erpressung macht ihr Anteil 20 Prozent aus. Insgesamt wurden 6953 Straftaten und 3090 Verdächtige registriert.
Die Gewalt von Jugendlichen gegen einen Rentner in der Münchener U-Bahn schockt die Nation. In der Debatte über wirksamere Strafen für gewalttätige Jugendliche wurde der Ruf nach längeren Haftzeiten laut. Boot-Camps zur Läuterung und Erziehung der Delinquenten sind plötzlich wieder in aller Munde.
Die Brutalität der Münchener Täter bringt auch Rainer Hamann, Jugendrichter beim Amtsgericht Remscheid, ins Grübeln. Von Straflagern nach Vorbild der amerikanischen Camps hält er indes nichts. „Die Persönlichkeit eines jungen Menschen zu brechen, ist der falsche Weg. Man sollte sie nur umformen“, sagt der Richter, der auch Leiter der Jugendarrestanstalt in Lüttringhausen ist. Das könnte beispielsweise in solch einem Erziehungscamp versucht werden, wie es Lothar Kannenberg im hessischen Diemelstadt seit einigen Jahren betreibt.
„Dort herrscht ein geregelter Tagesablauf, den viele Straffällige nicht kennen“, erläutert Hamann dessen Konzept. Für viele junge Täter seien regelmäßiges frühes Aufstehen und gemeinsame Mahlzeiten eine neue Erfahrung. Mit einem Sportprogramm werden die Jungs im Camp nicht nur fit gemacht, es diene auch dem Aggressionsabbau. Langeweile und Müßiggang haben hier keine Chance. Wichtig sei, dass die Täter aus ihrem Milieu herausgelöst und damit dem Einfluss ihrer Kumpel entzogen werden.
Meistens Mitläufer
Viele Straftäter seien nur Mitläufer und Nachahmer, die sich von den „schweren Kalibern“ beeinflussen lassen. Bei ihnen zeigten vorbeugende Maßnahmen wie ein halbjähriger Aufenthalt im Erziehungscamp noch Erfolge – so dass auf einen Jugendarrest verzichtet werden könne. „Das setzt aber Freiwilligkeit voraus“, betont Hamann. Einen Remscheider Jugendlichen, der ins hessische Camp geschickt wurde, habe Kannenberg mit dem Hinweis zurückgeschickt: „Nicht brauchbar.“ Es mangelte an Motivation, sich den strengen Regeln zu unterwerfen.
Von einem höherem Strafmaß hält Hamann nichts. Das schrecke die Gewalttäter nicht ab. Viel wichtiger sei es, nach einer Tat ganz schnell zu reagieren. Wenn die Straftäter sofort bei der Polizeiwache vorstellig werden müssen, sei das für viele „ein einschneidendes Erlebnis“. Präventive Maßnahmen halte er für sinnvoll, sie seien aber personalintensiv und somit kostenträchtig.
In Remscheid bieten die Bewährungshelfer Anti-Aggressionstrainings an. Gewalttäter, die eine Jugendstrafe auf Bewährung bekommen, erhalten als Auflage die Teilnahme an solch einem praxisnahen Unterricht, in dem nicht-aggressives Reagieren eingeübt wird.
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