Remscheid: Der Weihnachtsbläser
VON CHRISTIAN PEISELER - zuletzt aktualisiert: 17.12.2010Remscheid (RPO). Der Trompeter Rainer Alm steht heute Abend mit Henning Paur und Thomas Mehnert auf dem Rathausturm und spielt Weihnachtslieder. Seit elf Jahren gibt es dieses Engagement. Eine musikalische Geste aus Liebe zu Remscheid.
Rainer Alm hat gerade ein Bad genommen. Das tut er immer zwischen Arbeit und Probe. Acht Stunden sitzt er hinterm Steuer eines Lasters und fährt für Hazet Werkzeuge aus. Gleich geht es weiter nach Düsseldorf. Zur Probe mit der Klaus-Esser-Big-Band, die Alm leitet. Wie jeden Mittwoch. Der frische Badeduft wird durch Zigarettenqualm überlagert. "Und jeden Tag gehe ich in den Keller und über eine Stunde", vervollständigt der Musiker seinen Tagesablauf.
Weihnachtslieder stehen seit ein paar Tagen oben auf der Übungsliste. Zusammen mit Henning Paur und Thomas Mehnert bläst er heute Abend Weihnachtslieder vom Rathausturm. Wie jedes Jahr. "Ein bisschen kann ich ja für die Stadt tun", sagt er, "Geld kann ich ihr keines geben, aber Musik."
In Vieringhausen ist Rainer Alm aufgewachsen. Noch heute wohnt der 57-Jährige mit seiner Frau in seinem Viertel. Vor zehn Jahren brachte der Verkauf einer CD mit Weihnachtsliedern des Bläsertrios 14 000 Mark in die Stadtkasse. Rainer Alm gehört zu den Typen von Musikern mit Gemüt, die gerne andere an ihrem Spiel teilhaben lassen, weil sie unbändige Freude am Musizieren haben.
Jazziger Schwung auf Schulfeiern
Wer Rainer Alm sieht, muss auch immer an Karl Alm denken, seinen Zwillingsbruder. Die Alm-Brothers gehören zur Musikszene Remscheids wie der Löwe zum Theodor-Heuss-Platz. Während ihrer Schülerzeit auf dem Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums brachten sie jazzigen Schwung in jede Schulfeier, so dass selbst die Stehkragen-Mentalität der Oberstudienräte sich etwas lockerte. Ihr Handwerk haben sie an der städtischen Musik- und Kunstschule gelernt. Zum Studium meldeten sie sich an der Musikhochschule Essen. "Damals mochte man dort nicht, dass wir Unterhaltungsmusik spielen", sagt Rainer Alm. Die Brüder wechselten an die Rheinische Musikschule in Köln und begannen eine Laufbahn als Profimusiker.
Im Flur von Rainer Alm hängt die Ahnengalerie: Dizzy Gillespie gehört dazu, und vor allem Hanne Wilfert. "Mit dem habe ich noch bei Kurt Edelhagen gespielt", sagt Alm und bläst Rauch durch seinen weißen Bart. Mit großen Namen kann er jonglieren wie ein Artist mit zehn Bällen. Er erzählt gern und leidenschaftlich, aber sympathisch uneitel. Dass er und sein Bruder das erste Jazz-Festival von Leverkusen mit eröffnet haben, ist nur eine von vielen kleinen Anekdoten am Rande. Das Ende der Profikarriere schreibt er dem "Kollegen Synthesizer" zu. "Plötzlich brauchte man uns nicht mehr." Um die Familie zu ernähren, holte er den Führerschein II nach. Seit 27 Jahren fährt er Lkw, 20 Jahre davon für Hazet. "Das ist ein toller Arbeitgeber, der hat auch Verständnis dafür, wenn ich mal früher zu einem Konzert muss."
Heute Abend steht Alm mit seinen Mitspielern auf dem Rathausturm und bläst. Gut vorbereitet und frisch gebadet. Wenn die Menschen auf dem Rathausplatz stehenbleiben, und die Musik ihnen ein Wohlergehen bereitet, wird es ihn freuen, und seine Augen unter der Schiebermütze werden strahlen.
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