Remscheid: Henkelmann: Fusion wagen
zuletzt aktualisiert: 03.12.2009Remscheid (RPO). Remscheids Kulturdezernent Dr. Christian Henkelmann hält es für sinnvoller, kulturelle Strukturen umzuorganisieren – etwa bei den Orchestern – als zu warten, bis die Bezirksregierung die Schließung einer Kulturinstitution anordnet. Gespräche mit Solingen werden geführt.
Herr Dr. Henkelmann, Wuppertal spart radikal, auch an der Kultur. Eine Million wollen die Nachbarn durch Kooperationen einsparen? Wo sehen Sie Einsparmöglichkeiten in Remscheid durch Kooperation?
Henkelmann In Remscheid ist die Kultur bereits schlank gespart. Noch dünner bedeutet, es geht an die Substanz. Das Personal in den einzelnen Kultureinrichtungen ist schon so karg, dass weitere Einschnitte das Aus für die jeweilige Einrichtung bedeuten würden. Wir haben da in Remscheid keine Puffer mehr. Und wenn ein Museum oder das Theater geschlossen würde, wäre das für Remscheid ein kulturell unersetzbarer Verlust an Attraktivität als Mittelzentrum für das Umland und auch an Lebensqualität für die Remscheider Bevölkerung. Zudem wäre der Haushalt damit auch nicht saniert, weil das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein der strukturell bedingten Verschuldung wäre. Personaleinsparungen sind also kaum mehr möglich. Kostensynergien sind erzielbar durch gemeinsamen Einkauf von Dienstleistungen und Material im Städtedreieck. Personelle Synergien sehe ich im Kulturbereich weniger, da in den Kulturinstituten immer personelle Präsenz notwendig und Ansprechpartner vor Ort wichtig sind.
Wie weit sind die Gespräche über ein "bergisches Kulturbüro" und den möglicherweise gemeinsamen Einkauf von Gastspielen gediehen?
Henkelmann Wir sind in Gesprächen und arbeiten an Lösungsvorschlägen. Man muss sehen, wie der Neuzuschnitt des Solinger Kulturbüros aussieht und wo das in Zukunft organisatorisch angesiedelt wird. In Remscheid haben wir kein Kulturbüro, Gastspieleinkauf und -betreuung finden normalerweise im Theater statt.
Ist eine Fusion der Bergischen Symphoniker und des Wuppertaler Orchester ein Projekt, dass Sie in naher Zukunft für unvermeidlich halten?
Henkelmann Wenn wir den hervorragenden klassischen Musikern im hier im Bergischen Städtedreieck langfristig eine Arbeits- und Lebensperspektive geben wollen, dann muss man angesichts der katastrophalen finanziellen Situation der Städte diese Lösung ins Auge fassen. Statt eines Orchestersterbens auf Raten sollte man einen gemeinsamen großen Wurf wagen, der den Musikern sozialverträglich eine Brücke in die Zukunft baut und zugleich das Städtedreieck als Kulturstandort für ein Spitzenorchester international wettbewerbsfähig erhält. Dafür müsste allerdings das Städtedreieck als Produktionsstandort für das Musiktheater sinnvollerweise erhalten bleiben und gestärkt werden.
Wie stehen Sie zu der Idee, alle drei Theater zu den Bergischen Bühnen zusammenzuschließen, so wie es der frühere Intendant der Wuppertaler Bühnen, Gerd Leo Kuck, immer propagiert hat?
Henkelmann Strukturell schwierig, aber mittelfristig im Gastspieleinkauf machbar. Remscheid ist mit seinem Gastspieltheater gut aufgestellt. Hier haben wir die Möglichkeit, in einem der schönsten Theaterhäuser in NRW die bundesweit und international besten und interessantesten Produktionen im Sprechtheater, im Tanztheater, im Comedy- und Musicalbereich einzukaufen. Solingen hat mit der Veranstaltungs- und Konzerthalle eine sehr ähnliche Struktur. Dort ist es eine Veranstaltungs GmbH, die in Zusammenarbeit mit dem dortigen Kulturbüro das Veranstaltungsmanagement betreibt. Wuppertal hat ein traditionell sehr renommiertes Ensemble- und Repertoiretheater mit einem festen Stamm von Schauspielern und Sängern sowie einem Bühnenausstattungsapparat mit Werkstätten und ähnlichem, also eine ganz andere Struktur. Wenn die Wuppertaler ihr Schauspielhaus nach 2012 wie angekündigt schließen, wäre ab diesem Zeitpunkt ein gemeinsamer Gastspieleinkauf möglich, wünschenswert und auch kostenrelevant im Hinblick auf Einsparungen.
Nur etwa zwei Prozent des städtischen Etats gibt Remscheid für Kultur aus. Das ist armselig wenig. Wäre es nicht eine Ihrer Aufgaben als Kulturdezernent, sich für höhere Kulturausgaben stark zu machen, um die Lebensqualität zu sichern? Was soll eine Stadt ohne ein gehaltvolles Kulturleben noch lebenswert machen, wenn man in ihr nur noch Auto fahren, arbeiten und mühsam einkaufen kann?
Henkelmann Zwei Prozent mögen wenig erscheinen, sind aber für eine Industriestadt wie Remscheid mit vielfältigen sozialen und strukturellen Problemen in Zeiten globaler Finanz- und Wirtschaftskrise sehr viel. Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass Oberbürgermeisterin, Politik und Verwaltung in Remscheid bisher sehr behutsam und mit viel Augenmaß Kürzungen im Bereich der Kulturausgaben vorgenommen haben. Nur eins steht fest: Es ist besser zu versuchen, kulturelle Strukturen zu gestalten oder schwerpunktmäßig umzuorganisieren, als zu warten, bis Bezirksregierung oder der Landesinnenminister die Zwangsschließung von Kulturinstituten verordnen und vornehmen. Alles in allem: Remscheid ist eine Stadt, in der man mobil sein kann, arbeiten und leben kann – und das auch im Hinblick auf unsere Kultur.
Christian Peiseler führte das Gespräch.
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