Remscheid: "Plötzlich stand alles in Flammen"
VON (AP) VON NICOLE LANGE - zuletzt aktualisiert: 05.12.2008 - 12:03Remscheid (RPO). Eine halbe Straße in Trümmern, eine Stadt im Ausnahmezustand - mitten in der Adventszeit: Auch zwei Jahrzehnte nach dem Absturz eines US-Kampfjets auf ein Wohngebiet in Remscheid haben die Anwohner der Stockder Straße die Bilder der Katastrophe noch immer vor Augen. "Plötzlich stand alles in Flammen", erinnert sich die Remscheiderin Erika Opitz. "Und wir hatten nichts mehr."
Sechs Menschen starben in dem Inferno, unter ihnen der Pilot. Ein Verletzter erlag Monate später seinen Brandwunden. Am 8. Dezember jährt sich der Absturz zum 20. Mal.
Es war genau 13.26 Uhr: Der Pilot eines kurz zuvor vom Fliegerhorst Nörvenich bei Köln gestarteten amerikanischen Kampfjets vom Typ Fairchild A-10 verlor beim Tiefflug im Nebel die Kontrolle über seine Maschine. Das Flugzeug stürzte in das weniger als zwei Kilometer von der Fußgängerzone entfernte Wohngebiet, rammte und zerstörte das Haus Nummer 128 und zerschellte schließlich auf einem nahen Firmengelände. Mehr als 100 Menschen waren auf einen Schlag obdachlos.
Zu ihnen gehört Erika Opitz: Noch Momente vor dem Absturz hielt die 74-Jährige sich in dem später zerstörten Haus auf, ehe sie zu einem kurzen Spaziergang mit ihrem Dackel auf die Straße ging. "Ich war gerade aus dem Haus und auf die andere Straßenseite gegangen, da habe ich es schon gehört." Als sie die Flammen sah, habe sie zunächst an die an dem Haus arbeitenden Gerüstbauer gedacht. "Ich dachte: Da hat einer die Gasleitung getroffen." Doch als sie näher kam, sah sie das Ausmaß der Zerstörung: "Alles war weg. Ich hatte nur noch meinen Hausschlüssel und das, was ich anhatte." Dennoch weiß sie, dass der Spaziergang ihr wohl das Leben gerettet hat: "Meine Nachbarin ist verbrannt."
Welle der Anteilnahme und Hilfsbereitschaft
Die Bilder der Katastrophe gingen um die Welt, Feuerwehrleute und Helfer waren tagelang mit den Löscharbeiten und Aufräumarbeiten beschäftigt. Das Leid der Betroffenen mitten in der Vorweihnachtszeit löste eine Welle der Anteilnahme und der Hilfsbereitschaft aus. Der FC Bayern München trat drei Tage später zu einem Benefizspiel gegen einen Amateurclub der Stadt an - die 150.000 Mark Eintrittsgelder wurden den Opfern zur Verfügung gestellt.
Inzwischen sind die kaputten Häuser längst abgerissen, nichts in der Stockder Straße erinnert an den nebligen Wintertag im Advent 1988. Doch die Folgen der Katastrophe haben Anwohner und die Stadt lange beschäftigt. Zeitweise war sogar vermutet worden, das Flugzeug könne uranhaltige Munition an Bord gehabt haben - eine Untersuchung brachte aber keinerlei Hinweise darauf.
Allerdings wurden in Bodenproben erhöhte Werte der Chlorverbindung PCB festgestellt: Veronika Wolf, die nach dem Absturz eine Bürgerinitiative gründete, hält dies für eine Folge des Absturzes. Nach dem Unglück gab es zudem Gerüchte über eine gestiegene Krebsrate, Anwohner klagten über unerklärliche Hautreizungen. Wolf wünscht sich nach wie vor eine epidemiologische Untersuchung der Umgebung: "Wir wollen wissen: Werden die Menschen dort krank?"
Kein Anlass für Bodenaustausch
Die Stadt betont hingegen, es gebe keine Hinweise, dass bei dem Absturz PCB in den Boden gelangt sei. Umweltamtsleiter Wolfgang Putz sagt, einiges deute darauf hin, dass in Proben gefundenes PCB auf andere Weise in den Boden gekommen sei. Die Funde anderer Substanzen, die bei unkontrollierten Bränden entstehen können, hätten sich in Bereichen bewegt, wie sie "in industriellen Ballungsräumen üblich" seien. Somit habe es keinen Anlass für einen Bodenaustausch gegeben - nur im geringen Umfang sei an der Unglücksstelle Boden abgetragen worden, weil Heizöltanks zerstört worden waren.
Man habe großes Verständnis für die emotionalen Reaktionen der Anwohner, fügt Putz hinzu: "Für sie war es eine beängstigende Situation. Das waren schreckliche Bilder." Doch die Stadt hatte nach seinen Worten nie Grund, einen Zusammenhang zwischen PCB und Absturz zu verschweigen, falls es ihn gegeben hätte: "Dann hätte der Bund die Kosten getragen." Es gebe aber einfach keine Hinweise: "Das können wir objektiv nicht belegen."
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