Remscheid: Ray Wilson – singender Adonis
VON BERND GEISLER - zuletzt aktualisiert: 25.06.2011Remscheid (RP). Mit viel Charisma überzeugte der Ex-Genesis-Gitarrist in der Klosterkirche. Seine eigenen Songs gingen in den Genesis-Songs unter. Mit denen aber begeisterte Ray Wilson, mal mit Band, mal allein, nicht nur die Frauen im Saal.
Ray Wilson kann Gitarre spielen, hat eine wunderbar markante Stimme und sieht gut aus. So, wie er auf der Bühne steht und singt – in zerschlissenen Jeans, verwaschenem T-Shirt und kinnlangen Haaren mit Mittelscheitel – dürfte er an diesem Abend in so manchen Frauenträumen unvermittelt auftauchen wie seinerzeit Brad Pitt im Film "Thelma & Louise": Ein verlockendes Wesen, immer gut für ein Abenteuer, gut, um die graue Realität zu vergessen.
Nostalgische Klänge
Doch viel wichtiger an diesem Abend in der ausverkauften Klosterkirche ist die Frage: Wann bringt Wilson die alten Genesis-Hits? So hat er zusammen mit seinem Bruder Steve an der 12-saitigen Akustik-Gitarre und dem Pianisten Filip Walcerz bereits mit dem zweiten Lied "Follow You" das Publikum im Minoritensaal auf seiner Seite. Beifall brandet auf, die Leute – fast alle mindestens in seinem Alter, Wilson ist Jahrgang '68 – lauschen verzückt den nostalgischen Klängen. "Da kamen Erinnerungen hoch", sagt später Konzertbesucherin Rita.
Genesis Gastspiel
Bands 1994 Sänger der Band Stiltskin. 1997 ersetzt er Phil Collins auf dem Genesis-Album "Calling All Stations". 1999 kurzzeitige Wiedervereinigung der alten Genesis mit Phil Collins und Peter Gabriel. Wilson reaktiviert nach einigen Solo-Alben Stiltskin.
Solo Derzeit ist er "unplugged" und mit dem "Genesis Klassik Quartett" unterwegs.
Als Walcerz irgendwann zum Mitklatschen auffordert, ist es, als reiße er die Frauen gewaltsam aus ihren Träumen. Den Männern geht's ähnlich. Nicht, dass sie in Tränen ausbrechen, aber Wilson singt so markant und manchmal beinahe wie Peter Gabriel in seinen besten Zeiten – warum darin nicht schwelgen?
Am liebsten vielleicht sogar schwofen, mit der Partnerin im Arm, die sowieso vom ersten Ton an hin und weg ist. Wie Thelma im Film. Jedenfalls zuckt's im Manne und seine Füße wippen und die Finger trommeln Takt. Die Frauen genießen zur Musik die Aussicht. "Der Mann ist auch was fürs Auge", haucht eine unbekannte Schöne. Ihr Blick ruht wie festgenagelt auf dem singenden Adonis.
Musikalisch stehen ihm seine beiden Mitstreiter in nichts nach, aber Charisma – das ist eindeutig seine Domäne. Er könnte die zeitlosen Genesis-Kracher wie "Carpet Crawls", "Not about Us", aber auch "Another Cup of Coffee" des früheren Genesis-Gitarristen Mike Rutherford ganz alleine bringen. Und in der Zugabe tut er's dann auch: Phil Collins' "In the Air Tonight" gleitet ihm so schön, anheimelnd, mächtig und gefühlvoll von Lippen und Saiten, dass der gesamte Saal begeistert mitsingt.
Das ist bei Wilsons eigenen Liedern nicht der Fall. Auch sie erreichen zwar ohne Probleme Herz und Sinn, aber nach zwei anderen Stücken sind sie vergessen. Ray Wilson und seine Songs stehen auf der Bühne für den eine flüchtigen, schwärmerischen Augenblick: für eine Nacht.
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