Remscheid: Wo Gewalt beginnt
VON SOLVEIG PUDELSKI - zuletzt aktualisiert: 03.05.2007Remscheid (RPO). Mit einer sehr lebhaften Podiumsdiskussion im Berufskolleg Technik wurden gestern Vormittag die „Anti-Gewalt-Tage“ eröffnet. Schüler und Prominente diskutierten über die Frage, was Gewalt ist, wie man ihr begegnen kann und ob die heutige Jugend gewaltbereiter ist.
Schrecksekunden gestern in der Aula des Berufskollegs Technik: In den Zuschauerreihen gingen Jugendliche aufeinander los. Anwesende zuckten zusammen. „Auseinander, auseinander“, riefen viele den Streithähnen zu, die ausgerechnet mitten in der Podiumsdiskussion zum Thema Gewalt handgreiflich wurden – vor Publikum aus Lehrern, Schülern und Vertretern des Veranstalters, des Kirchenkreises Lennep mit der Koordinatorin Pfarrerin Dagmar Cronjäger und nicht zuletzt vor den Augen der Promis.
Fast hörbar war die Erleichterung, als sich der Eklat als einstudierte Szene entpuppte, um das gut vorbereitete Frage-Antwort-Spiel zwischen Schülern und Prominenten aufzulockern: Profi-Fußballer Jens Nowotny, der Schauspieler Harald Krassnitzer und SPD-Bundestagsabgeordneter Jürgen Kucharczyk stellten sich Fragen, die Jugendliche zu diesem Thema bewegen.
Anti-Gewalt-Tage
Das Programm der Anti-Gewalt-Tage setzt sich aus teilweise öffentlichen Veranstaltungen, aus Talkrunden, Workshops, Weiterbildungen und vieles mehr zusammen. Es wurde mit Kindergärten, Schulen, Kirchengemeinden und Jugendgruppen in der Region des Kirchenkreiseszusammen gestellt, z. B.
Open-air-Konzert „Lütt-rock-hausen“, Freitag, 4. Mai, ab 18 Uhr, auf dem Heimatspielgelände in Lüttringhausen.
Jugendgottesdienst am Samstag, 5. Mai, 18 Uhr, Lutherkirche.
Die musikalisch umrahmte Talkrunde bildete den Auftakt zu den Anti-Gewalt-Tagen, die der Kirchenkreis Lennep unter dem Titel „. . . dann halte auch die andere hin“ nach der Bibelstelle aus der Bergpredigt organisierte. In fehlender Anerkennung sah Superintendent Hartmut Demski den möglichen Beginn einer Gewaltspirale. „Auch in Remscheid gibt es Straßen, in die man zu bestimmten Zeiten nicht geht“, leitete er die Runde ein.
„Wie hätten Sie als Jugendlicher bei einer solchen Schlägerei reagiert?“ knüpften Schüler später an die simulierte Schlägerei an. Während Tatort-Kommissar-Darsteller Krassnitzer bekannte „Ich wäre dazwischen gegangen, um einen Schwächeren aus der Schusslinie zu nehmen“, hätte sich Jens Nowotny nach eigenen Worten nur eingemischt, wenn er jemanden aus der Gruppe gekannt hätte. Und Kucharczyk meinte: „Ich habe keine Scheu, dazwischen zu gehen.“ Nicht nur um Zivilcourage drehte sich die Diskussion, sondern auch um Ursachen von Gewalt, Einfluss brutaler Szenen im Fernsehen und Computerspielen, um Konfliktbewältigung, Deeskalationsmaßnahmen – und schließlich um die Frage „Was ist Gewalt, wo fängt sie an?“ Für Nationalspieler Jens Nowotny (33, dreifacher Vater) kann seelische Gewalt grausamer sein als körperliche. Auf dem Fußballfeld sei die Grenze überschritten, wenn es beim Foul nicht mehr um den Ball gehe, sondern ums Knochentreten.
Gewalt sei ein Manko, über dessen Ursachen man sich im Klaren werden sollte, meinte Krassnitzer. Als Bundestagsabgeordneter könne man durch Programme und Projekte dazu beitragen, die viel beschriebene steigende Gewaltbereitschaft Jugendlicher einzudämmen, sagte Kucharczyk.
„Wir müssen Schulen mit mehr Geld und Menpower ausstatten“, appellierte Harald Krassnitzer am Ende eindringlich.
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