Solingen: 500 Ärzte protestieren
zuletzt aktualisiert: 23.02.2009Solingen (RPO). Interview mit dem Präsidenten der freien Ärzteschaft zum Gesundheitspolitischen Aschermittwoch in der Ohligser Festhalle und den Forderungen der Mediziner.
Für diese Woche hat die Freie Ärzteschaft Mediziner aus ganz Deutschland zum Gesundheitspolitischen Aschermittwoch in die Festhalle nach Ohligs eingeladen. Neben Praxenschließungen in den vergangenen Tagen wollen die Ärzte mit dieser Veranstaltung ihrem Unmut über die Gesundheitspolitik der Bundesregierung Ausdruck verleihen. Wir sprachen mit dem Präsidenten der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus.
Wie viele Solinger Ärzte sind Mitglied bei der Freien Ärzteschaft ?
Grauduszus Rund 30 Solinger Kolleginnen und Kollegen sind bei uns Mitglied. Bundesweit organisieren wir rund 5000 niedergelassene Haus- und Fachärzte – bei steigenden Beitrittszahlen.
Wie haben die Patienten in Wuppertal und Remscheid auf die in dieser Woche begonnenen Praxenschließungen bei den Orthopäden und Chirurgen reagiert?
Grauduszus Die Kollegen vor Ort, die diese Aktion organisieren, berichten mir von großem Verständnis auf Seiten der Patienten, die in ganz überwiegender Zahl verstanden haben, worum es geht; nämlich um die gewohnte Versorgung bei ihrem vertrauten Arzt um die Ecke. Und diese Versorgung kann nach der Honorarreform, die dem überwiegenden Teil der Praxen Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent beschert, nicht mehr lange aufrechterhalten werden.
Podiumsgäste
Auf dem Podium beim Gesundheitspolitischen Aschermittwoch am 25. Februar ab 13 Uhr in der Festhalle Ohligs werden diskutieren: die Landtagsabgeordnete Sylvia Löhrmann von den Grünen, Dr. Stefan Romberg, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP im Landtag NRW, Solingens SPD-OB-Kandidat Dr. Hans-Joachim Müller-Stöver, CDU-Bundestagskandidat Jürgen Hardt, Dr. Silke Lüder von der Aktion Stoppt die e-Card, Dr. Ilka Martina Enger, Sprecherin des Bayerischen Fachärzteverbandes, Dr. Tom Henschel, Korb-Initiative Bayerischer Urologen, Dr. Steffen Kauert, Aktionssprecher der Wuppertaler Orthopäden und Claudia Mayer, Vizepräsidentin des Verbandes Medizinischer Fachberufe.
Es moderiert René Rabenschlag vom WDR Wuppertal.
Welches sind die Hauptforderungen der Mediziner?
Gruaduszus Wir fordern den Erhalt der flächendeckenden wohnortnahen ambulanten Versorgung durch freie niedergelassene Haus- und Fachärzte und die sofortige Aufhebung von Budgetierung und Rationierung. Die von Politik und Krankenkassen angestrebte Etablierung von Medizinischen Versorgungszentren, die ohne weiteres von profitorientierten Kapitalgesellschaften und Ökonomen gesteuert werden könnten, lehnen wir vehement ab. Der bisher individuell behandelte Patient darf nicht zum Fall mit einer Durchlaufnummer in einem anonymisierten Massenbetrieb werden. Weiter lehnen wir die elektronische Gesundheitskarte mit der Speicherung sensibelster Patienten- und Behandlungsdaten mit hunderttausenden Zugriffsberechtigungen ab. Hier soll die ärztliche Schweigepflicht als die letzte Bastion des Ur-Vertrauens zwischen Arzt und Patient sturmreif geschossen werden – das werden wir keinesfalls hinnehmen.
Was passiert am Gesundheitspolitischen Aschermittwoch in Solingen und wie viele Ärzte haben ihr Kommen zugesagt?
Grauduszus Wir erwarten rund 500 Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland, um die eben genannten Forderungen öffentlich zu machen und damit unseren "Wahlkampf für das Gesundheitswesen" zu eröffnen. Insofern begrüße ich besonders, dass Landes- und Lokalpolitiker sich bereit erklärt haben, mit uns in der Festhalle zu diskutieren. Silke Lüder aus Hamburg wird als Sprecherin des Bündnisses "Stoppt die e-Card", dem 47 Gruppierungen und Initiativen angehören, über die Aktivitäten berichten, und Kolleginnen und Kollegen aus der Region, aber auch aus Bayern werden über ihre Erfahrungen mit Protestaktionen berichten. Fest steht, dass die Ärzteschaft, lange Zeit eher als "unpolitische Truppe" wahrgenommen, in diesen Wochen zu neuer Einigkeit über Fachgruppen-Grenzen hinaus zusammenwächst. Gemeinsam sind wir eine Macht, und das werden wir in den kommenden Monaten nutzen, um in 123 000 deutschen Sprechzimmern Millionen von Wählerinnen und Wählern zu mobilisieren für unseren Gesundheitswahlkampf.
Annemarie Kister-Preuss stellte die Fragen.
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