Solingen: Acht Jahre für Missbrauch
VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 29.01.2009 - 16:50Solingen (RPO). Für lange Zeit muss der Ex-Vorstand des Vogelpark hinter Gitter. Die Opfer leiden vielleicht für immer.
Strafprozesse, vor allem solche, die die Umstände eines Missbrauchs an Kindern zu klären haben, verfügen normalerweise über ein eingebautes Schutzschild, das die Beteiligte davor bewahrt, das zu Verhandelnde zu nah an sich heran lassen zu müssen.
Die Vorwürfe, mögen sie auch noch so schrecklich klingen, klingen eben nur; man kann sich von dem Unvorstellbaren keine wirkliche Vorstellung machen. Die Taten liegen bereits eine Weile zurück, und die geschäftsmäßige Atmosphäre vor Gericht tut ihr Übriges, schafft eine Distanz zum Geschehenen.
Doch als gestern Mittag jener korpulente Mann auf der Anklagebank des Wuppertaler Landgerichts wegen jahrelangen schweren sexuellen Missbrauchs an einem Jungen und dessen kleiner Schwester von der 4. Großen Strafkammer schließlich zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, da war längst schon jener abstrakte Vorhang zerrissen, der für gewöhnlich den allzu unerträglichen Blick auf die Taten verstellt.
Denn in der Anklageschrift gegen den 40-jährigen Ex-Vorstand des Solinger Vogelparks hatten nicht nur Vernehmungsprotokolle oder Zeugenaussagen gelegen, sondern auch Fotos, mit denen der geständige Mann aus Haan sowie ein inzwischen verstorbener Mittäter das Martyrium ihrer Opfer auch noch dokumentiert hatten.
Bilder, auf denen ein dreijähriges Mädchen und ein elfjähriger Junge zu sehen sind, die ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert waren und die von den Tätern, so der Vorsitzende Richter, zu reinen „Objekten degradiert worden waren”. Aber Kinder in solchen Situationen sind in Wirklichkeit natürlich niemals Objekte, sondern bleiben kleine Menschen, denen Erwachsene im entscheidenden Moment keinen Schutz gaben und die oft ein Leben lang leiden müssen.
Im Fall des heute 22 und 14 Jahre alten Geschwisterpaars waren es die eigenen Eltern gewesen, die ihre Kinder den Männern, Arbeitskollegen des Vaters, überlassen hatten. Im Glauben, die Kleinen seien dort gut aufgehoben, wie das Gericht betonte aber eben auch in einem Glauben, der nichts mit normalem Vertrauen, dafür aber ganz viel mit verantwortungsloser Gleichgültigkeit zu tun hatte.
Jedenfalls vergriffen sich die Täter zuerst an dem kleinen Mädchen, das zu Beginn der Tortur fast noch ein Baby war, ehe später auch sein Bruder missbraucht wurde. Man habe sehen wollen, was bei den Kleinen „ging”, hatte der Angeklagte während des Prozesses geäußert. Und danach immer wieder betont, er sei davon ausgegangen, die Kinder hätten nichts gegen die Übergriffe. Tatsächlich aber leiden die beiden bis heute. Der Bruder brach bei den Befragungen der Polizei zusammen, seine Schwester kann auch mehr als ein Jahr nach Ende des Martyriums kaum ein Wort darüber verlieren. Allein das Geständnis des vom Solinger Verteidiger Jochen Ohliger vertretenen Täters ersparte den Opfern einen qualvollen Auftritt vor Gericht.
Doch während bei Juristen, Beobachtern, ja sogar beim Täter die schrecklichen Eindrücke von den Polaroid-Fotos irgendwann verblassen werden, dürften sich bei den Geschwistern die Bilder ihrer zerbrochenen Kindheit tief eingefressen haben. Das Mädchen bekam bis heute keine psychologische Hilfe.
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