Solingen: Ausgeschlossen vom Alltag
VON ANDREA RÖHRIG - zuletzt aktualisiert: 03.02.2010Solingen (RPO). Gerhard Hallstein lebt von Hartz IV. Von den 359 Euro leistet er sich ein Monatsticket zum Preis von 78 Euro. Die Einführung eines Sozialtickets hält er für überfällig. SPD-Mann Reiner Kirchner fürchtet die Kosten für die SWS.
Seit 18 Jahren ist Gerhard Hallstein arbeitslos; gefühlt seit 1990, als er seinen letzten echten Arbeitsplatz verlor, faktisch seit 2006. Inzwischen lebt er von dem, was man Hartz IV nennt. Auch eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen brachte ihm keinen neuen Job, genauso wenig wie eine von den rund 1000 Bewerbungen, die er in all den Jahren schrieb. Rund zwei Jahre habe er gebraucht, um die Absagen, die kamen, nicht persönlich zu nehmen.
Hallstein führt einen Blog
Um mit sich und seiner Situation zurechtzukommen, schreibt er im Internet einen Blog, Gerhards Gedankenbuch. Darin kann man nachlesen, dass der 59-Jährige vom Hartz-IV-Regelsatz lebt: 359 Euro, allerdings plus Miete, sagt er. Das er diese bezahlt bekomme, müsse man dazu rechnen, unterstreicht der Solinger.
Sein Blog
Und unter dieser Adresse ist Gerhard Hallsteins Blog zu finden:
http://tanzfreude.blogspot.com
"Meine Gedanken zu den verschiedensten Themen des Lebens – zum Lesen, zum Nachdenken, zum Anregen und sehr gerne auch zum Kommentieren", heißt es dort.
Rund ein Fünftel, nämlich 78 Euro, gibt er für ein Monatsticket für den ÖPNV aus; im Dezember, wenn er 60 wird, kann er ein Bärenticket beantragen, das kostet in der Preisstufe B 65 Euro. Und so ärgert er sich über die Diskussion zur Einführung eines Sozialtickets im Verkehrsverbund Rhein Ruhr. Das kommt voraussichtlich zum 1. August und soll um die 25 Euro im Monat kosten, allerdings nur vorgesehen zur Nutzung innerhalb von Solingens.
Hallstein ist froh, dass er mit seinem Ticket weiter fahren kann – das ist wenigstens ein Stück seiner Teilhabe am ganz normalen Leben. "Die Begrenzung auf eine Stadt darf eigentlich nicht sein. Das hat was davon, dass es heißt, dass man ja schließlich in Solingen arbeitslos ist und dort auch bitte schön bleiben sollte. Aber eigentlich bin ich ja in ganz Deutschland arbeitslos."
Dass die Kosten an den Verkehrsbetrieben hängen bleiben, glaubt Hallstein nicht. Das sieht SPD-Ratsmitglied Reiner Kirchner, Aufsichtsratsmitglied der Stadtwerke, anders. Er fürchtet, dass am Ende rund 200 000 Euro an den SWS hängen bleiben könnten, berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung: "Selbst wenn die Kosten letztlich auf alle Busnutzer umgelegt werden sollten, dann müssten die SWS zunächst in Vorleistung treten." Die Rheinbahn in Düsseldorf geht sogar von Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro aus.
Was Kirchner an der Debatte nervt, ist nicht die Einführung eines Sozialtickets, wie er betont. "Eine gute Sache, aber aus finanziellen Gründen nicht leistbar. Das haben wir schon vor anderthalb Jahren bei den SWS ausrechnen lassen." Und so stört es Kirchner vor allem, dass das Grünen-Mitglied Dietmar Gaida nicht gegen diesen schwarz-grünen Vorstoß im VRR-Gremium gestimmt habe, wobei doch alle Kommunalpolitiker Bund und Land vorwerfen, Kosten auf die Kommunen abzuwälzen. "Wenn gewollt ist, dass die Kosten durch eine Preiserhöhung für alle aufgefangen wird, muss das klar und deutlich gesagt werden", sagt Kirchner. CDU-Fraktionschef Bernd Krebs, von Gaida im VRR-Gremium abgelöst, sieht die Gefahr, dass der Verkauf anderer Tickets zurück gehen könnte. Letztlich sei aber die Einigung auf Basis von Zugeständnissen der Koalitionäre von CDU und Grünen im VRR entstanden. Gerhard Hallstein mag der Diskussion von Politikern nicht mehr folgen. Ihm geht es darum, dass man als Hartz-IV-Empfänger nicht von allem ausgeschlossen wird: "Alles das, was das Leben lebenswert macht, mal essen gehen oder eine Kulturveranstaltung besuchen, all das kann ich mir nicht leisten. Und werd' es mir auch nicht leisten können" Und so rät er der Politik: "ihr Ohr mal am Volk zu haben."
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