Solingen: Bahn sperrt Müngstener Brücke
VON S. GENATH, D. LINDE, A. KISTER-PREUSS UND J. STOCK - zuletzt aktualisiert: 20.11.2010 - 12:24Solingen (RPO). Ohne Vorankündigung wurde der Verkehr auf Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke stillgelegt. Der Grund: dringende Sanierungsarbeiten. Es habe aber zu keiner Zeit Gefahr für Reisende bestanden, erklärte die Bahn. Allerdings ist das marode Bauwerk im Bergischen kein Einzelfall.
Sabine Bredehorn ist aufgebracht. "Das ist eine Unverschämtheit", erklärt die 47-jährige Remscheiderin empört dem Fahrer, als sie am Bahnhof Solingen-Mitte in den überfüllten Bus steigt. "Sie müssen die Leute doch informieren, wenn Sie einfach die Strecke sperren!" Es ist nicht die erste Beschwerde von aufgebrachten Fahrgästen an diesem Tag.
Ohne Vorankündigung hatte die Deutsche Bahn am späten Donnerstagabend die Müngstener Brücke und damit die Bahnstrecke zwischen Solingen und Remscheid gesperrt. Statt dessen verbinden nun Busse die Bahnhöfe Solingen-Mitte und Remscheid-Güldenwerth. Der Grund für die Nacht-und-Nebel-Aktion wurde auch gestern bei einer Pressekonferenz der Bahn in Solingen nicht deutlich.
"Die Sperrung erfolgte, um noch am Freitag mit den Sanierungsarbeiten beginnen zu können", sagte Bahn-Pressesprecher Gerd Felser. Angeblich habe man Solingens Erstem Beigeordneten Hartmut Hoferichter am Donnerstagabend die Nachricht von der Sperrung auf die Mailbox seines Handys gesprochen. Dieser erklärte jedoch, erst am Freitagmorgen auf eigene Nachfrage von der Bahn informiert worden zu sein.
Ziel der Sperrung sei es, zum Fahrplanwechsel am 12. Dezember die Brücke wieder mit 70 Stundenkilometern befahren zu können, so die Bahn. Man wolle vor Einsetzen der Frostperiode die Arbeiten erledigen. Und so seien seit gestern Stahlbauexperten aus Dresden und Köln auf der Brücke im Einsatz, um an 24 Stellen Laschen zur Verstärkung anzubringen, die dafür sorgen sollen, dass die Züge wieder mit der vollen Geschwindigkeit fahren können.
Ende September waren Testfahrten durchgeführt worden, um die Standsicherheit des 113 Jahre alten und 107 Meter hohen Bauwerks zu überprüfen. Seit März durfte es nicht mehr von Güterzügen befahren werden, die Regionalbahnen passierten die Stahlkonstruktion nur noch mit zehn Kilometern pro Stunde. Nach Auskunft von Bahningenieur Michael Käufer hatten am Donnerstag statische Nachberechnungen ergeben, dass Verstärkungen an der unter Denkmalschutz stehenden Brücke nötig seien. Reisende seien aber zu keiner Zeit in Gefahr gewesen.
Auch Ulrich Weyer, Professor für Bauingenieurswesen an der Uni Dortmund, der die Hohenzollernbrücke in Köln saniert hat, glaubt nicht, dass die Bahn dringend nötige Sanierungen hinauszögere und damit Sicherheitsprobleme in Kauf nehme. Aber er weiß, wie schwierig der Spagat zwischen Denkmalschutz und technischen Anforderungen ist.
"Bauwerke wie die Müngstener Brücke wurden zu einer Zeit errichtet, als es ganz andere Anforderungen an den Schienenverkehr gab als heute. Zudem waren die Stähle damals von viel schlechterer Qualität. Die Öffentlichkeit ist dagegen, dass solche Bauten abgerissen werden. Das führt immer wieder zu Auseinandersetzungen." Er erinnert an den Abriss der maroden Isarbrücke Großhesselohe bei München im Jahre 1983, dem jahrelanger Bürgerprotest vorangegangen war.
Laut dem Passagierverband Pro Bahn stehen weitere Sanierungsfälle wie die Müngstener Brücke an. "Viele Bauwerke sind nach dem Krieg nur provisorisch saniert worden", sagt Pro-Bahn-Sprecher Lothar Ebbers. Das Durchschnittsalter der Eisenbahnbrücken in Deutschland betrage rund 80 Jahre, stellt Steffen Marx, Experte für Massivbau der TU Dresden fest. 80 Jahre betrage auch die normale Nutzungsdauer. "Bei entsprechender Wartung kann so eine Brücke natürlich auch viel länger halten", sagt Marx. "Wir müssen deshalb sehr viel mehr Mittel für den Unterhalt von Brücken einsetzen, sonst werden wir ein großes Problem bekommen."
Geschehe das nicht, müssten viele Brücken neu gebaut werden. Marx: "Das aber wäre überhaupt nicht zu finanzieren." Ein Neubau etwa der Müngstener Brücke würde Milliarden kosten, schätzt Pro-Bahn-Fachmann Ebbers. Instandsetzungen bedeuten auf der anderen Seite Einschränkungen für Reisende – ein Ende sei kaum in Sicht. "Man wird wieder nur provisorisch sanieren können", sagt Ebbers.
Für die Pendler im Bergischen ein schwacher Trost. Denn sie müssen sehen, wie sie weiterkommen – Aushänge oder Anzeigen suchen sie vergebens. "Dieses Chaos ist doch peinlich", sagt Saskia Gdanitz (23), die regelmäßig von Remscheid nach Solingen fährt. "Wie kann die Bahn so schlecht vorbereitet so etwas veranlassen? Wir zahlen doch für unsere Tickets." Sabine Bredehorn ist indes froh, dass jetzt Wochenende ist. "Dann habe ich Zeit, einen gepfefferten Brief an Bahnchef Grube aufzusetzen", erklärt die Pendlerin.
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