Solingen: „Wer ein Kind aufnimmt, der nimmt mich auf“
zuletzt aktualisiert: 15.12.2007Solingen (RPO). Gott wird ein Kind.“ – Wie oft habe ich diesen Satz schon zu Weihnachten gehört oder selber gesagt. Er gehört so vertraut zu unserem weihnachtlichen Repertoire, dass er uns kaum noch auffällt. In diesem Jahr höre ich diesen Satz noch einmal ganz neu. Wir haben in den letzten Wochen immer wieder von Kindern gehört oder gelesen, die durch Vernachlässigung oder Gewalt ums Leben gekommen sind. Darry, Plauen, Nordhausen, diese Namen stehen für Kinder, die getötet oder so lange ihrem Schicksal überlassen wurden, bis sie tot waren. Ereignisse, die einfach nur erschüttern und fassungslos machen. Und es hilft nicht, jetzt wie so oft schnell nach Schuldigen zu suchen und vor allem die zuständigen Jugendbehörden verantwortlich zu machen.
Die Mitarbeitenden in den sozialen Diensten und den Erziehungshilfen sind in aller Regel mit hohem Engagement und – noch immer – mit viel Idealismus bei ihrer Arbeit. Sie brauchen aber auch die nötige personelle Besetzung. Und sie brauchen Unterstützung, nicht nur finanziell. Genauso wenig hilft es, vorwurfsvoll auf Nachbarn und Angehörige zu verweisen. Wer von uns traut sich schon, bei Menschen in seiner Nähe das Schlimmste zu vermuten? Wer ist schon in der Lage, Signale nicht erst im Nachhinein, sondern rechtzeitig zu deuten?
Genau hier liegt eines der Probleme: Wir brauchen eine Kultur der Aufmerksamkeit und der Courage, unangenehme Gedanken zu denken und auch da etwas zu unternehmen, wo wir uns keineswegs sicher sind. Und wir brauchen ein Netz, das gerade jungen Menschen das Gefühl gibt: da ist eine Adresse an die ich mich wenden kann – mit all dem, was mich überfordert und was ich nicht auf die Reihe kriege. Das kostet – auch – Geld. Und es fordert politischen Willen. Und es ist keineswegs nur Nebensache, dass Gott nicht als erwachsener Mensch auf dieser Erde ankommt, sondern als Kind. Von Anfang an bedroht und unter schlechten Bedingungen.
Er wählt damit nicht nur den Weg aller Menschen, hier anzukommen. Sondern er teilt bewusst die Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit jedes Kindes auf dieser Welt. Näher kann man uns Menschen nicht kommen. Und deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, was unser Auftrag ist: „Wer ein Kind aufnimmt, beachtet, beschützt, versorgt, der nimmt mich auf.“ Sagt später der erwachsene Mann, der zu Weihnachten in Bethlehem zur Welt gekommen ist. Als ganz normales, schutzloses Baby.
Joachim Römelt, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Dorp.
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