Solingen: Besorgnis über "autonome Nationalisten"
VON ALEXANDER RIEDEL - zuletzt aktualisiert: 09.05.2011Solingen (RPO). "Du konntest hören, was du willst. Du konntest Döner essen." So beschreibt ein Neonazi die scheinbare neue Weltoffenheit seiner Gruppierung. Jürgen Peters, Journalist und Bildungsreferent des "antirassistischen Bildungsforums Rheinland", ist der Einladung des Solinger Bündnisses "Bunt statt braun" gefolgt.
In der Cobra referiert er zum Thema "Autonome Nationalisten – Die Modernisierung der neonazistischen Jugendkultur." Präzise zeichnet er die Entwicklung der rechten Szene seit Anfang der 1990er nach. Insbesondere die öffentliche Diskussion über Neonazis und das Verbot faschistischer Organisationen habe zur Gründung sogenannter "freier Kameradschaften", loser Zusammenschlüsse von Menschen mit rechtsextremer Gesinnung, beigetragen. Innerhalb dieser Gruppen entstand um die Jahrtausendwende die Strömung "Autonome Nationalisten".
Die "Aktionsgruppe Rheinland" verfügt auch über hochrangige Mitglieder aus Solingen. Sie sind gekennzeichnet durch Ausdrucksformen, die man eigentlich im linken Milieu vermuten würde: Auf Demonstrationen vermummen sie sich im Stile des militanten "Schwarzen Blocks", erstellen Graffiti und bedienen sich sogar in abgewandelter Form des Antifa-Logos. Manche Banner spielen mit Comicfiguren wie Spiderman und sind in englischer Sprache verfasst.
Sogar "Che Guevara"-T-Shirts wurden bei einem Teil der Szene kurzzeitig beobachtet. Die Strömung folge zwar keiner gezielten Strategie, erklärt Peters, den Neonazis sei aber durchaus bewusst, dass es der Öffentlichkeit schwerer falle, sie als Rechtsextreme zu identifizieren. Außerdem setzten sich die "Autonomen Nationalisten" von der eher traditionell orientierten NPD ab, die in Teilen der Neonaziszene als "langweilig" empfunden werde. Die extremistische Ideologie sei aber die gleiche, betont Peters. Vor allem die Gewaltbereitschaft der autonomen Rechten und ihre deutliche Feindjustierung sind sehr besorgniserregend.
Alle potenziellen Gegner – zum Beispiel Politiker, Sozialarbeiter, Geistliche und Polizisten – stehen im Fokus dieser Gruppierungen, die sich als "politische Partisanen" verstehen. Ansonsten haben sie – wiederum analog zur linken Szene – den Kampf gegen das Großkapital, vermeintliche staatliche Repressionen und sogar den Tierschutz für sich entdeckt. Die Ursprünge der Autonomen Nationalisten, denen Schätzungen zufolge etwa 1000 Personen angehören, liegen in den großen Ballungszentren.
Inzwischen sind sie zunehmend in kleinere Gemeinden vorgedrungen. Gerade angesichts der vielfältigen Erscheinungsformen der Neonazis rät der Experte zu großer Wachsamkeit. Im Anschluss an den Vortrag zeigt das Solinger Bündnis die Dokumentation "Hallo, ihr Trottel" über einen Naziaufmarsch in Wuppertal.
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