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Solingen: Bossis Strategie in Trümmern

VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 24.10.2007

Solingen (RPO). Der Vortrag dauerte 40 Minuten – und das war auch die Zeit, die Psychologie-Professorin Sabine Nowara benötigte, um die Verteidigungsstrategie von Rechtsanwalt Rolf Bossi im Mordprozess gegen Yakup S. in Einzelbestandteile zu zerlegen. Jedenfalls sieht es nach dem vierten Verhandlungstag und dem Ende der Beweisaufnahme vor der Wuppertaler Schwurgerichtskammer nicht so aus, als ob der Geschäftsmann auf mildernde Umstände wegen einer Tat im Affekt hoffen darf.

Der Tatort an der Hacketäuerstraße im März: Die Spurensicherung ist vor Ort und untersucht den schwarzen Geländewagen, in dem die Frau den tödlichen Kopfschuss erlitt.  Foto: RPO
Der Tatort an der Hacketäuerstraße im März: Die Spurensicherung ist vor Ort und untersucht den schwarzen Geländewagen, in dem die Frau den tödlichen Kopfschuss erlitt. Foto: RPO

Rückblende: Am 21. März erschoss der 45-Jährige seine Freundin, mit der er zwei Kinder hat. Für Bossi eine Affekt-Tat – und so kein Mord, sondern „nur“ Totschlag. Allerdings, Gutachterin Nowara vermochte der „laienhaften“ Argumentation des Gelegenheits-Psychologen Bossi nicht zu folgen. Ein Affekt liege nicht vor, da sich der Streit zwischen dem „normal intelligenten“ S. und seinem Opfer „gegenseitig aufgeschaukelt“ habe, führte die Expertin aus.

Eine Tat im Affekt setze jedoch eine plötzliche Eskalation voraus. Das Fazit: keine Schuldminderung. Nun mögen sich die Folgen der Niederlage für Bossi, dessen Strategie auch innerhalb der Verteidigung umstritten ist, in Grenzen halten – zumal der 84-Jährige gestern gar nicht anwesend war. Anders sieht es für den Angeklagten aus, der 1976 aus der Türkei nach Deutschland kam und seit Ende der 80er Jahre eine Doppelehe führte.

Ihm droht im Fall der Verurteilung wegen Mord lebenslange Haft. S. führte ein Leben im Spagat. Einerseits ein gewisser beruflicher Erfolg, andererseits Ahnungslosigkeit in geschäftlichen Dingen. Dann die offizielle Familie mit drei Kindern, einer Ehefrau, die kein Wort Deutsch spricht. Sie stellte den genauen Gegenentwurf zu dem späteren Opfer dar, das von Zeugen als emanzipiert beschrieben wird.

Und das schließlich einen Schritt vollzog, zu dem Yakup S. nie fähig war. Die 41-Jährige trennte sich. „Ich habe beide geliebt“, erklärte S. gestern. Allerdings, die Liebe zu der selbstsicheren Frau verkehrte sich anscheinend ins Gegenteil, als sich dieses Selbstbewusstsein gegen den konservativ erzogenen Mann richtete. Jetzt war es ein Spagat zwischen Tradition sowie Moderne – und ein Spagat, den S. nicht mehr aushielt.

Fortsetzung Freitag, 9.15 Uhr, Landgericht Wuppertal mit Plädoyers.

Quelle: RP

 
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