Solingen: Die Krise schlägt durch
VON MARTIN OBERPRILLER UND UWE VETTER - zuletzt aktualisiert: 04.06.2009Solingen (RPO). Ein schwarzer Tag für die Solinger Wirtschaft: Mit Ebbinghaus und Hering Fertigungstechnik sind jetzt gleich zwei Automobilzulieferer mit 130 Mitarbeitern auf ein Mal zahlungsunfähig. Beide Firmen sollen gerettet werden.
Kurzarbeit
Was bei Ebbinghaus und Hering nicht klappte, soll woanders helfen. Im Mai befanden sich in Solingen 308 Firmen mit rund 3000 Beschäftigten in Kurzarbeit. 39 andere Unternehmen mit 880 Mitarbeitern hatten Anfragen gestellt. Dabei ist nicht nur die Autozuliefererindustrie betroffen. Im Arbeitsamtbezirk Solingen/Remscheid sind es aktuell 48 aus der Branche, Spitzenreiter sind die Metallverarbeiter mit 184 Firmen.
Doppelter Schock für die Solinger Wirtschaft: Seit gestern stehen gleich zwei traditionsreiche Automobilzulieferer am Abgrund. Die Firma Ebbinghaus mit Sitz am Höhscheider Weg sowie 67 Beschäftigten hat Insolvenz beantragt. Und auch die Hering Präzisionstechnik GmbH, die in Solingen ihre Fertigungstechnik betreibt, ist zahlungsunfähig. Das teilte der Mutterkonzern des Unternehmens, die Saltus AG, mit. Hier sind 63 Mitarbeiter in der Klingenstadt betroffen.
Damit bangen in Solingen seit gestern 130 Angestellte in den betroffenen Firmen um ihre Jobs. Tatsächlich hat die Krise der Automobilindustrie voll zugeschlagen. Denn beide Unternehmen, die nun in Schieflage gerieten, sind als Zulieferer von der Branche abhängig und waren zuletzt zu Kurzarbeit übergegangen (siehe Kasten). Jedoch ohne durchschlagenden Erfolg: Bei Ebbinghaus, das sich als Lohn-Lackierer diverser Teile für Pkw sowie Laster einen Namen machte, konnten zum Beispiel zuletzt die Löhne und Gehälter nicht mehr ausgezahlt werden. "Im Mai floss kein Geld", erklärte Dr. Marc d'Avoine gestern gegenüber unserer Zeitung.
Mitarbeiter informiert
Der Rechtsanwalt wurde nun zum vorläufigen Insolvenzverwalter des Unternehmens bestellt und befindet sich zurzeit in Verhandlungen über eine Fortführung der Firma. Sein Hauptaugenmerk gilt zunächst den Mitarbeitern, die er auf einer Betriebsversammlung über die Lage informierte. Ziel sei es, die ausstehenden Gehälter "vorzufinanzieren", erläuterte d'Avoine gestern. Da allerdings das Insolvenzverfahren noch nicht eröffnet, sondern zunächst nur beantragt worden ist, fließt im Augenblick kein Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur. d'Avoine: "Ich befinde mich im Gespräch mit Banken."
Nach seiner Einschätzung geriet Ebbinghaus in den Strudel der Wirtschaftskrise. Ein Schicksal, das das Unternehmen mit vielen anderen teilt. Laut einer Studie im Auftrag des Verbandes der Automobilindustrie krachte der Umsatz der Zulieferer allein im ersten Quartal 2009 um 35 Prozent nach unten. Und auch für das gesamte Jahr erwarten die Experten noch ein Minus von 25 Prozent gegenüber 2008. Mit teils verheerenden Folgen für die Betriebe. 70 Zulieferer könnten allein in Deutschland 2009 in die Pleite schlittern. Zwar schätzt man, dass die meisten nach einer Restrukturierung weitergeführt werden. Doch inwieweit dies auch für Ebbinghaus und Hering gilt, steht in den Sternen.
Bei Hering Fertigungstechnik hatte selbst die Abwrackprämie zu keinem nennenswerten Plus geführt. Mit der Folge, dass das Unternehmen nach eigener Angabe zuletzt seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte.
Dies müsse aber nicht gleichbedeutend sein mit dem Ende. Zurzeit liefen aussichtsreiche Verhandlungen mit Investoren, erklärte die Mutter Saltus, während man sich auch bei Ebbinghaus vorsichtig optimistisch gibt. Insolvenzverwalter Marc d'Avoine: "Wir hoffen, die Firma fortführen zu können."
"Die Einschläge kommen immer näher", so hatte noch vor kurzem Hans-Peter Pollmann, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes, die Lage in der Automobilzulieferindustrie skizziert, nachdem beispielsweise in Remscheid ein Automobilzulieferer Insolvenz anmelden musste. "Jetzt hat es auch Solingen erwischt", sagte Pollmann. Er hofft aber, dass die meisten Betriebe mit Kurzarbeit über die Runden kommen werden.
50 direkte Autozulieferer
Das hofft auch Bernd Clemens, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung. 50 Unternehmen in Solingen seien direkte Autozulieferer. "Man muss aber befürchten, dass noch weitere Firmen in Schwierigkeiten geraten", erklärte Clemens, der jedoch auch positive Zeichen aus der Automobilzulieferbranche erhält: "Es gibt das eine oder andere Licht am Ende des Tunnels."
"Hoch bedauerlich" sind die beiden Insolvenzanträge aus Sicht des IHK-Präsidenten Friedhelm Sträter: "Die Krise kommt jetzt in breiter Ausführung in den mittelständischen Zulieferfirmen an. Jede Insolvenz ist immer eine schicksalhafte Geschichte für die Kapitaleigner wie für die Arbeitnehmer."
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