Solingen: Diskussion statt Emotion
zuletzt aktualisiert: 23.06.2008Solingen (RPO). Die Emotionen über die Privatschulpläne des Vereins Spektrum und seines Vorsitzenden Necatin Topel waren in den vergangenen Wochen hoch gekocht. Nach viel Emotionen geht es nun um sachliche Diskussion.
Mit dem Erwerb einer zweiten Apotheke in der Nordstadt ist Necatin Topel geographisch dorthin zurück gekehrt, wo er, nachdem er 1981 mit seinen Eltern aus der Türkei kommend, nach Köln gekommen war, anschließend hingezogen war. Morgenpost-Redaktionsleiterin Andrea Röhrig sprach mit dem 1969 in der Türkei geborenen Deutschen über die geplante Privatschule und die Bildungschancen von türkischen Mädchen und Jungen.
Sie und Ihr Verein Spektrum sind seit Bekanntwerden Ihrer Privatschul-Pläne in die Kritik geraten. Unter anderem war Ihnen von einigen Parteien vorgeworfen worden, Sie würden nicht alles offen legen.
Topel Wir haben in den vergangenen Wochen viel Aufklärungsarbeit geleistet, unter anderem hatten wir einen gut besuchten Tag der offenen Tür, an dem sich jeder über uns und unsere Pläne informieren konnte oder auch das Jahresabschlussfest am vorvergangenen Wochenende. Auf jeden Fall sind wir froh, dass die hoch gekochten Emotionen sich nun beruhigt haben.
Sie tun auch Ihren Teil dazu bei, in dem sich der Verein nun unter anderem ganz klar von dem muslimischen Prediger Fethullah Güllen distanziert und auch ganz klar gesagt hat, dass aus dieser Ecke kein Geld fließen wird. Ich denke, das war vielen wichtig.
Topel Diese Diskussion darüber zeigt uns allerdings auch, dass es zwischen Deutschen und Türken Vorbehalte gibt. Es gibt Ängste auf beiden Seiten. Doch nicht jeder Muslim ist ein Extremist. Unser Verein hat bei der ganzen Diskussion gemerkt, dass es wichtig ist, mit allen offen zu reden. Gülen ist ein Friedensvorbild wie Rumi, Frère Roger oder der Dalai Lama. Für alle diese Personen gibt es Befürworter und Ablehner. Da ist neutrale Aufklärungarbeit von Nöten.
Die SPD hat Ihnen angeboten, dass es an einem Solinger Gymnasium zu einem bilingualen Zweig kommen könnte. Spektrum hat abgelehnt. Warum?
Topel Wir haben den Vorschlag begrüßt, wollten beide Modell. Die SPD forderte von uns entweder oder. Das haben wir abgelehnt.
Ihnen wurde in der Diskussion der Vorwurf gemacht, warum Sie sich nicht um die kümmern, die es nötig haben, nämlich die Hauptschüler. Es gibt Menschen, die fürchten, dass sie eine muslimische Elite heranziehen wollen.
Topel Aber um die Hauptschüler kümmern wir uns doch mit unserem Nachhilfeprojekt. Kennen Sie die Zahlen, wie viele Migrationskinder auf einem Solinger Gymnasium sind? 5,1 Prozent, auf den Hauptschulen sind es 41,1 Prozent. Das ist doch erschreckend. Mit der Privatschule wollen wir daran anknüpfen. Sie soll jungen Menschen ermöglichen, den Realschulabschluss oder auch das Abitur zu machen. Wissen Sie, wenn wir jetzt einmal von Türken reden, den meisten türkischen Eltern ist die Schulbildung wichtig, aber sie sind überfordert. Da müssen wir doch was tun. Und das deutsche Schulsystem macht es den jungen Menschen nicht gerade einfacher.
Reden Sie aus eigener Erfahrung?
Topel Ein Segen nicht. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich eine gute Bildung bekomme. Aber es hat mich geprägt, dass wir zunächst in der Kölner Nordstadt gelebt haben, einem sozialen Brennpunkt, nachdem wir 1981 nach Deutschland gekommen sind. Ich habe da nicht immer positive Erfahrungen auf der Straße gemacht. Als ich dann in Bonn studierte, war es anders. Wissen Sie, geprägt hat mich auch, dass meine Eltern sich, als ich noch Kind war, eine Stereoanlage gekauft hatten. Diese stand dann über Jahre verpackt in der Wohnung, weil wir ja gar nicht lange bleiben wollten. Das ist bei vielen Familien vielleicht auch der Grund, warum sie dem Land, in dem sie jetzt leben, fern geblieben sind.
Wie wichtig ist denn Bildung?
Topel Darüber läuft alles in dieser Gesellschaft. Bei unserem Privatschulprojekt geht es aber nicht nur um Bildung. Werte sind genauso wichtig. Die Schüler sollen sich geborgen fühlen. Es geht uns um mehr als um Mathe oder Englisch, sondern auch um einen guten Charakter.
Sie haben selber gesagt, dass es für dieses Jahr knapp werden wird mit der Umsetzung.
Topel Es ist sehr bedauerlich, weil wir ja schon länger diese Privatschule planen.
Glauben Sie tatsächlich, dass deutsche Eltern ohne Migrationshintergrund ihre Kinder bei Ihrer Privatschule anmelden?
Topel Ich glaube, sie werden erst noch abwarten und schauen, wie sich die Schule entwickelt. Aber ich hoffe, dass auch sie ihre Hemmungen überwinden.
Wie weit sind sie denn mit den Planungen für die Privatschule?
Topel Bis auf ein Schulgebäude haben wir alles beisammen. Wir rechnen bei einem Start mit zwei Klassen mit Anfangskosten von 150 000 Euro. Was man in der ganzen Diskussion nicht vergessen darf, als Ersatzschule bekommen wir bis zu 90 Prozent der Kosten vom Land. Damit die Finanzierung funktioniert, planen wir mit einem Schulgeld von 150 Euro im Monat. Wenn es nicht in Solingen klappt, dann vielleicht in Remscheid oder in der Umgebung. Aber wir stehen weiter hinter diesem Projekt.
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