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Solingen: Drei Mal Hästen und zurück

zuletzt aktualisiert: 26.11.2010

Solingen (RPO). Bis kommende Woche Samstag berichten unsere Reporter, wie die Verkehrsbetriebe der Stadtwerke die Stadt bewegen.Einen halben Tag haben wir Busfahrer Stefan Hörster auf seiner Tour auf den Linien 681 und 682 begleitet.

An jeder Endhaltestelle kontrolliert der Busfahrer seinen Wagen. Foto: RPO
An jeder Endhaltestelle kontrolliert der Busfahrer seinen Wagen. Foto: RPO

5.26 Uhr, Betriebshof

Es ist noch stockdunkel, als sich Stefan Hörster auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz macht – an diesem Tag der Obus mit der Nummer 174. "Zuerst muss das Fahrzeug aufgebaut werden", erklärt Hörster, während er die kleine Klappe unweit der vorderen Tür öffnet, hinter der das Schloss für den Wagen liegt. Per Hand öffnet er dann die eine Hälfte der zweiflügeligen Vordertür. "Weil der Druck noch nicht aufgebaut ist, funktionieren die Türen nicht", so Hörster. Als er den Motor startet, beginnt es zu piepen, laut und eindringlich – Zeichen dafür, dass der Bus mit dem Druckaufbau bis zu einem Wert von acht bar beginnt. Indes füllt Stefan Hörster den Wagenumlaufzettel aus, auf dem jeder Busfahrer an jedem Arbeitstag Dienstnummer, Tour und Uhrzeit vermerken muss. "Das sind Dokumente, die einige Jahre aufbewahrt werden müssen."

Im 20. Jahr ist Stefan Hörster Busfahrer bei den Verkehrsbetrieben der Stadtwerke. "Der Beruf macht mir Spaß", sagt er, "auch nach all den Jahren noch". Foto: RPO

Der Fahrzeugaufbau, sagt der 43-Jährige, sei Alltag, aber niemals Routine: "Man sollte das Fahrzeug immer so überprüfen, wie man es in der Ausbildung gelernt hat." Und dazu gehören, vor jeder einzelnen Fahrt nicht nur das Einsetzen der Wechselgeld-Kasse und des Moduls für den Elektronischen Fahrausweisdrucker (EFAD), sondern auch die Kontrolle von Reifen, Beleuchtung, Türen und Oberleitungsstangen. "Im Schleifschuh, der Verbindung zwischen Stange und Oberleitung, befindet sich als Schleifmittel Kohle. Auch sie muss immer überprüft werden", erklärt Hörster. Um Punkt 5.37 Uhr steuert er Nummer 174 vom Betriebshof.

Stefan Hörster kontrolliert vor Fahrbeginn die Oberleitungsstangen. Foto: RPO

5.40 Uhr, Mangenberg

Die drei Männer, die an der Haltestelle Mangenberg einsteigen, sind die ersten Fahrgäste an diesem Tag. Arbeiter auf dem Weg in ihren Betrieb, vermutlich. "Morgen", grüßen sie, ein bisschen müde noch, aber freundlich. "Morgens ist es noch ruhig", sagt Hörster, "stressig wird es oft erst mit dem Schülerverkehr." Auf einer laminierten Karte, die der Busfahrer immer griffbereit hat, ist der gesamte Fahrplan seiner Linie aufgezeichnet: Bis 13.53 Uhr wird Hörster seinen Wagen auf der Kreislinie, also den Linien 681 und 682, fahren, insgesamt drei Mal nach Hästen und zwei Mal nach Brockenberg. An den Endhaltestellen hat er jeweils rund 20 Minuten Pause – vorausgesetzt, er hat keine Verspätung.

Schichtende am Graf-Wilhelm-Platz: Stefan Hörster übergibt den Obus mit der Nummer 174 an seinen Kollegen Frank Schürmann. Foto: RPO

6.16 Uhr, Entenpfuhl

Langsam steuert Stefan Hörster seinen 18 Meter langen Bus vom Werwolf kommend auf die Haltestelle Entenpfuhl zu. "An den Oberleitungen gibt es sogenannte Trenner, die nicht mit Strom befahren werden dürfen", erklärt er. Jeder Fahrer wisse genau, wo die Trenner sitzen und wann der Fuß vom Strompedal, dem Äquivalent zum Gaspedal beim normalen Fahrzeug, genommen werden müsse. "Wenn man es nicht tut, gibt es einen Ruck, der vor allem auf die Achsen des Fahrzeugs geht, was absolut nicht gut ist." Auch alle Weichen auf der Strecke müssen die Fahrer kennen – und rechtzeitig schalten: "Vor allen Weichen befindet sich ein Sender im Boden, der über einen Knopf im Fahrzeug gesteuert wird", sagt Stefan Hörster und zeigt auf den hell-leuchtenden Knopf unter dem kleinen Fenster. "Damit stelle ich die Weiche. Sie stellt sich automatisch wieder zurück, wenn ich durchgefahren bin", sagt er. Wichtig sei beispielsweise, Abstand von einem vorausfahrenden Obus zu halten, der sich – weil er eine andere Strecke fährt – keine Weiche stellen muss. "Es darf auf keinen Fall passieren, dass ich einem vorausfahrenden Fahrzeug die Weiche stelle." Die meisten Menschen, sagt Stefan Hörster, denken, dass sie eben nur Bus fahren müssten. "Aber es ist doch ein bisschen mehr."

6.46 Uhr, Hauptbahnhof

Am Hauptbahnhof wird es voll in Nummer 174 – die ersten Schüler, viele Pendler, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, steigen ein. Stefan Hörster guckt sich jeden Fahrschein aufmerksam an. "Es gibt so viele verschiedene Tickets", sagt er, "und es werden immer mehr." Manche Studenten hätten ausgedruckte Studententickets auf ganz normalem Papier, andere Fahrgäste hätten Bahntickets, wieder andere VRS-Tickets, von Einzelfahrscheinen und den verschiedenen Monatstickets mal ganz abgesehen. "Und mittlerweile kommen auch immer mehr Fahrgäste mit einem Handyticket und zeigen mir dann das Display ihres Telefons vor." Am Anfang, sagt Hörster, der im kommenden Jahr 20. Dienstjubiläum bei den Stadtwerken hat, habe die Ticketkontrolle schon mehr Arbeit für die Fahrer bedeutet. "Aber mittlerweile hat sich das alles recht gut eingespielt."

7.04 Uhr, Central

Der blonde Junge mit der Brille und der riesigen Schultasche ist noch ganz außer Atem, als er, nach einem kurzen Sprint, in den Bus steigt. "Danke", sagt er und lächelt Stefan Hörster an, der auf ihn gewartet hat. "Es kommt natürlich auf die Situation an", sagt der, "aber eigentlich versuchen wir immer zu warten." Schwierig sei es lediglich, wenn der Bus ohnehin schon einige Minuten Verspätung habe. "So entstehen Missverständnisse. Viele Leute denken: Der Fahrer hat mich kommen sehen und ist einfach weggefahren. Und wenden sich dann an den nächsten Kollegen im nächsten Bus und beschweren sich bei ihm." Manche haben Verständnis, andere eben nicht, weiß Hörster. Eins jedoch will er nicht: Sich vor jedem Fahrgast rechtfertigen müssen. "Es gibt Leute, die stehen schon an der Bushaltestelle und tippen mahnend auf ihre Uhr, wenn man mit Verspätung ankommt", erzählt er. Und die Verspätungen lassen sich einfach nicht immer vermeiden: Sei es durch Baustellen, durch das Verkehrsaufkommen oder durch Fahrgäste, die erst einmal ihren Fahrschein suchen müssen. "Wir warten zum Beispiel auch mit der Weiterfahrt, bis sich gehbehinderte oder ältere Fahrgäste hingesetzt haben. Auch dadurch kommt es manchmal zu Verzögerungen."

7.27 Uhr, Brockenberg

Stefan Hörster ist gut in der Zeit an diesem Morgen und so bleiben ihm 18 Minuten für eine kurze Pause am Brockenberg. Bevor er aussteigt, kontrolliert er das gesamte Fahrzeug. "Es wird viel in den Bussen vergessen und verloren", weiß er, Schirme, Schals und Handschuhe, Tickets oder Taschen. Dinge, die ihre Besitzer später im Fundbüro am Betriebshof abholen können. Sein Job, erzählt Hörster, während er sich kurz draußen die Beine vertritt, mache ihm Spaß. Dabei ist er eher zufällig Busfahrer geworden: "Ich habe Schlosser gelernt und war dann bei der Bundeswehr." Kurz danach, 1991, habe sein Vater ihm geraten, Busfahrer zu werden: "Er fand, das sei ein sicherer Job", schmunzelt Hörster – und weiß heute, dass es ein guter Rat war.

"Man erlebt jeden Tag andere Dinge, jeden Tag neue Dinge", sagt er, positive wie negative. Man habe schon manchmal Ärger, oft wegen Kleinigkeiten: Weil man Fahrgästen verbietet mit Eis, Döner oder Bier einzusteigen. Manchmal aber auch, weil Jugendliche zu viel getrunken haben oder weil irgend jemand meint, im Bus Randale machen zu müssen. "Ich versuche so respektvoll wie möglich mit den Leuten umzugehen, eigentlich bin ich sehr geduldig. Man sollte miteinander reden können." Allerdings hat alles seine Grenzen, wie bei dieser einen Fahrt, als ihn jemand angespuckt hat oder all die Male, wo Fahrgäste ausfallend wurden. "Wenn es nicht mehr geht, bleibt man stehen und holt sich Verstärkung in der Leitstelle oder direkt von der Polizei." Dennoch will Stefan Hörster nicht immer nur das Negative sehen: "Viele Dinge, zum Beispiel das Verhalten vieler Jugendlicher, haben sich verändert. Viele haben wirklich den Respekt verloren. Ich glaube aber, dass man auch nach den Gründen dafür fragen sollte, denn die muss es geben."

8 Uhr, Graf-Wilhelm-Platz

Langsam steuert Stefan Hörster seine Linie 682 über den Graf-Wilhelm-Platz. "Hier muss man überall die Augen haben, weil viele Fußgänger einfach über die Straße gehen." Die Bedeutung der roten Streifen als Orientierungshilfe für Fußgänger, die jedoch nicht deren Vorrecht symbolisierten, sei vielen nicht bekannt, beobachtet Hörster jeden Tag. "Wir Busfahrer sind angehalten, zwar vorsichtig und langsam, aber dennoch weiterzufahren." Manchmal wundere er sich, dass an dieser Stelle so wenige Unfälle passierten. "Aber anscheinend passen wirklich alle auf."

Der Morgen, sagt der Gräfrather, sei ruhig gewesen, vom Schülerverkehr hat er auf seiner Linie nur ein paar vereinzelte Schulkinder mitbekommen. "Mit den Kindern ist es manchmal stressig. Die stürmen hier rein und man denkt, die reißen den Bus ab."

8.51 Uhr, Rathausplatz

Die ältere Dame, die am Rathausplatz einsteigt, poltert gleich los: "Die Drei hält hier und fährt einem direkt vor der Nase weg", schimpft sie und geht direkt durch. Hörster bleibt keine Zeit, zu antworten – und eigentlich, das ist ihm klar, geht es der Frau viel weniger um einen Austausch, als darum, ihre Wut abzulassen. "Man stößt oft auf viel Unverständnis", sagt er, bevor er weiterfährt.

8.53 Uhr, Graf-Wilhelm-Platz

Drei Grad zeigt das Thermometer am SWS-Pavillon, der Winter ist nicht mehr weit. Bei den Schneemassen im vergangenen Jahr, erinnert sich Hörster, hat er sich einmal an der Krahenhöhe festgefahren. "Schließlich musste ich zum Betriebshof zurückgeschleppt werden." Nein, der Winter sei keine beliebte Jahreszeit bei ihm und seinen Kollegen. "Wenn es wegen Straßenglätte oder Schnee schwierig wird, dann müssen wir ermessen, wie lange wir fahren und wann es nicht mehr zu verantworten ist, weiter zu fahren."

9.42 Uhr, Rathausplatz

"Jetzt muss ich mal genau hingucken", sagt Stefan Hörster , als er die Haltestelle Rathausplatz ansteuert. Der Mann, den er im Blick hat, ist ein alter "Bekannter": "Er hat schon in der letzten Woche versucht, mit einer alten Karte mitzufahren." Und Hörster hat Recht: Die Marke, die der Mann vorzeigt, ist von Juni. "Damit können sie nicht mitfahren", macht er ihm klar, der Mann steigt wieder aus. "Er weiß ganz genau, was er macht", ist der Busfahrer überzeugt, "ich finde das nicht in Ordnung." Stefan Hörster kennt seine Pappenheimer, kennt die Leute, die immer wieder ungültige Tickets vorzeigen, kennt auch die Methoden der Fälscher – wenn auch ihre Kreativität ihn immer wieder überrascht: Manche zeigten Vierer-Tickets, die "schon 25 Mal abgestempelt" seien.

"Andere fälschen die Monatskarten fast perfekt, bis hin zum Chip." Für Hörster ist das, ganz klar, eine Straftat. "Das ist Betrug." Ahnden darf er die Vergehen aber nicht: "Wir sind nicht befugt, die Fahrkarten einzuziehen oder das erhöhte Beförderungsentgelt zu kassieren." Auf die Einführung des Elektronischen Kontrollsystems (EKS) blickt er deshalb auch durchweg positiv. "Wir Fahrer werden am Anfang von Servicekräften begleitet. Und ich denke, dass das System dazu führen wird, die schwarzen Schafe auszusortieren."

13.53 Uhr, Graf-Wilhelm-Platz

Um Punkt 13.53 Uhr lenkt Stefan Hörster Obus-Nummer 174 auf den Graf-Wilhelm-Platz – Schichtende. "Ich trage mich auf dem Umlaufzettel aus und übergebe das Fahrzeug an den Kollegen", erklärt er. "Wenn es Mängel gab, weise ich ihn darauf hin." Dieser Tag, sagt Stefan Hörster, sei ein ganz normaler gewesen, einer mit wenig Stress, eigentlich ein guter Tag.

Auch am nächsten Tag wird Stefan Hörster wieder pünktlich zum Frühdienst hinter dem Steuer sitzen – ebenso wie an Weihnachten und Silvester. "Für mich ist das völlig in Ordnung. Wir erhalten unseren Dienstplan immer für ein komplettes Jahr im Voraus, so kann man planen." Nach dem Dienst geht Stefan Hörster laufen, "45 Minuten, dabei kann ich mich am besten erholen."

Text Maxine Herder; Fotos Maxine Herder (2), Anja Tinter.

Quelle: RP

 
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