Solingen: "Drogen-Oma" soll an Demenz leiden
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 14.04.2010Solingen (RPO). Bis ihre beiden Anwältinnen kamen, sah die 85-Jährige abwechselnd aus dem Fenster und zur Tür, und sie wusste, dass sich am elften Verhandlungstag vor dem Wuppertaler Landgericht alle Augen auf sie richten würden. Schließlich war erneut eine umfassende Aussage der als "Drogen-Oma" bekannt gewordenen Solingerin angekündigt worden. Doch auch Dienstag wurde daraus nichts. Vielmehr stellten die Juristinnen den Antrag, ihre Mandantin neurologisch-psychiatrisch untersuchen zu lassen.
Die Anwältinnen können sich vorstellen, dass die von ihnen als Gutachterin vorgeschlagene Kölner Fachärztin zu dem Schluss kommt, dass die 85-Jährige, die über Jahre für Sohn und Enkel harte Drogen eingeschmuggelt haben soll, das Unrecht ihrer Taten nicht einschätzen konnte. Möglicherweise liege eine "schwere krankhafte seelische Störung" vor. Die Juristinnen jedenfalls äußerten "Zweifel an ihrer vollen Schulfähigkeit" und vermuten, dass die Angeklagte, der im Falle einer Verurteilung eine langjährige Haftstrafe droht, unter "Morbus Binswanger" leidet", einer weit verbreiteten Form der Demenz, die unaufhaltsam fortschreitet und sich unter anderem durch Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit äußert und im Verlorengehen der Fähigkeit, sich an Dinge zu erinnern.
Nächster Termin fällt aus
Die 1. Große Strafkammer stimmte dem Antrag auf ein Gutachten nach halbstündiger Beratung zu. Die Untersuchung der 85-Jährigen soll in den nächsten Tagen erfolgen. Daher fällt nur die auf den 26. April terminierte Verhandlung aus. Im Prozess am 3. Mai um 13.30 Uhr soll dann das Gutachten der Medizinerin gehört werden.
29-Jährige lehnt Gutachten ab
Derweil hat es die 29-jährige Freundin des Enkels abgelehnt, sich von einem Gutachter befragen zu lassen. Die junge Frau, die während des Verfahrens erneut mit 1,2 Kilogramm Heroin an der niederländischen Grenze erwischt worden war, sitzt seit dem Vorfall wie der Sohn der 85-Jährigen und ihr Enkel in Untersuchungshaft, während sie selbst und ein als Drogenkurier eingesetzter 29-Jähriger Mann, der im Rollstuhl sitzt, sich auf freiem Fuß befinden. Vorgeworfen werden den Angeklagten 34 Fälle von Drogeneinfuhr aus dem Nachbarland Holland.
Nachdem die Familie und ihr Umfeld lange im Visier der Drogenfahnder der Polizei gestanden hatten, konnte schließlich im August vergangenen Jahres die Wohnung der Rentnerin gestürmt werden. Drogen im Wert von 70 000 Euro wurden sichergestellt. Die 85-Jährige will bei den Drogendeals mitgemacht haben, weil sowohl ihr 51-jähriger Sohn als auch ihr Enkel drogenabhängig sind. Sie und der Rollstuhlfahrer wurden bevorzugt als Kuriere eingesetzt, weil man sie für besonders unauffällig hielt. Lange Zeit war diese Rechnung aufgegangen, doch dann griffen die Fahnder zu.
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