Kommentar: Ein Museum ohne Konzept
VON ANDREA RÖHRIG - zuletzt aktualisiert: 20.11.2010Kommentar (RPO). Ausstellungen und Wein haben für mich eines gemeinsam: Sie müssen "schmecken". Mag für Kunstkenner und Önologen platt klingen, doch man muss bedenken, dass es nicht nur was für Eingeweihte sein soll. Beides lebt davon, dass Menschen – auch ohne Vorwissen – teilhaben und genießen können.
Ist das nicht gegeben, verlieren der Weinsektor die finanzielle und die Kunst die gesellschaftliche Grundlage. Denn soll ich sechs oder zehn Euro dafür ausgeben, dass ich mich quälen muss? Wer solch einem Ansatz für Kunst nachhängt, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Kunst will etwas bewirken, und wie kann sie das, wenn sie nicht gesehen wird?
Weshalb dieser Exkurs? Um deutlich zu machen, woran das Konstrukt Museum Baden – nicht erst seit kurzem – krankt. Warum sich in die Goya-Ausstellung so wenige Besucher verirren? Weil das Konzept nicht "schmeckt", es geht nur wie Essig die Kehle hinunter. Sie ist nicht nur lieblos präsentiert, sondern auch unverdaulich und unverständlich. Dass die Bildbeschreibungen aussehen wie vom PC ausgedruckt und die Grafiken von Goya in den Rahmen an vielen Ecken abstehen, kommt hinzu – wenn im Vergleich zur inhaltlichen Unverdaulichkeit auch nur als Schönheitsmakel. Mühsam, so hat es den Eindruck, wurden die Themen Goya und verfolgte Künstler, hier Schriftsteller, kombiniert. Die zur Schau gestellten, gesammelten Bücher des Freiheitskämpfers Václav Havel und von Walter Benjamin, sind in abgeschlossenen Vitrinen dargeboten, der Zugang zur Bibliothek von Benjamin ist versperrt. Wie kann man eine Lanze für Verfemtes brechen, wenn man das, was dafür steht, hinter Glas verschwinden lässt?
Das ist nur ein Punkt, an dem es hakt. Allerdings ein ganz wesentlicher. Denn der legt den Finger in die Wunde: Es fehlt dem gesamten Konstrukt ein Konzept. Worauf zielen Kunstmuseum und wohin das "Zentrum für verfolgte Künste", in dem sich der Landschaftsverband engagieren will, inhaltlich? Eines dürfte spätestens mit dieser Goya-Ausstellung klar sein: So geht es nicht. Nicht jetzt und erst recht nicht in der Zukunft.
Was will man in diesem Zentrum installieren? Eine Dauerausstellung? An wen richtet die sich? Welcher didaktischer Mittel bedient sie sich? Und was genau soll gezeigt werden? Klar, ein pädagogischer Ansatz ist gut und schön. Aber schon jetzt kann man darauf wetten, dass ausbleibende Besucherzahlen damit entschuldigt werden, dass die Schulen halt kein Interesse an diesem Thema haben oder die Medien nicht genügend die Werbetrommel gerührt haben. Bereits seit März 2009 wird über einen Einstieg des Landschaftsverbandes geredet; seit 2005 unterstützt der LVR die Bürgerstiftung.
Bei meinen Gesprächen über die geplante Ausrichtung des Museums wurde gleich mehrfach das Märchen von des "Kaisers neuer Kleider" als Vergleich heran gezogen. Sie erinnern sich? Der Kaiser lässt sich die teuersten Gewänder aufschwätzen, läuft in Wahrheit aber nackt herum. Dennoch rühmen alle um ihn herum die Pracht seiner Gewänder, bis ein Kind ruft: "Aber er hat ja gar nichts an." Und so läuft derzeit auch die Debatte um das Museum. Kaum jemand traut sich laut zu sagen, dass diese Goya-Ausstellung das Eintrittsgeld nicht wert ist, geschweige denn öffentlich kritisch zu hinterfragen, ob das Museums-Konzept inhaltlich tragfähig ist.
Man hat den Eindruck, dass sich Museumschef Dr. Rolf Jessewitsch und Sammler Dr. Gerhard Schneider zunutze machen, dass sich niemand öffentlich gegen verfolgte und verfemte Künstler – wie im Märchen gegen den mächtigen Kaiser – stellen will. Kunst-Liebhaber, die sich dem Thema verfolgte Künstler verschrieben haben, sollten sich aber offen der Frage stellen, ob und wie man es in einem Ausstellungskonzept "schmackhaft" machen kann.
Eine öffentliche Diskussion wird derzeit von einigen überhaupt nicht gerne gesehen, denn man will die Braut LVR nicht kurz vor der Eheschließung verschrecken. Aber die Komplexität rechtlicher Konstrukte darf den Blick darauf nicht verstellen, was wir in dem "neuen" Museum eigentlich zu sehen bekommen.
Was funktioniert, und das schon seit Jahren, ist die Bergische Kunstausstellung. Sie hat ein klares und gut nachzuvollziehendes Konzept. Zudem ist sie etabliert und die anschließenden Ausstellungen preisgekrönter Künstler sind gut besucht. Das zeigt: Kunst funktioniert und das sogar in Solingen.
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