Solingen: Eine Chance für Solingen
zuletzt aktualisiert: 20.03.2008Solingen (RPO). Interview mit dem Wuppertaler Hajo Jahn, dem Vorsitzenden der Else-Lasker-Schüler-Stiftung, zur Ausstellung „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“, die am 30. März im Museum Baden eröffnet wird. Jahn geht davon aus, dass das Museum zu klein ist für das große Vorhaben.
Hajo Jahn
Hajo Jahn ist Vorsitzender der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft sowie der Else-Lasker-Schüler-Stiftung.
Die Else-Lasker-Schüler-Stiftung ist eine Gründung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und des Londoner PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Hajo Jahn war mehr als 34 Jahre Journalist beim WDR.
Er gilt als „Pionier der Regionalisierung im WDR“ und „Stimme des Bergischen Landes im Radio“. Bis 2000 war Jahn Studioleiter des WDR in Wuppertal.
Der Wuppertaler Journalist und Autor Hajo Jahn ist Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und der Else-Lasker-Schüler-Stiftung. Die Stiftung ist Eigentümerin der Sammlung Jürgen Serke („Die verbrannten Dichter“), die sich als Leihgabe im Museum Baden befindet. Unter dem Titel „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“ wird die Sammlung ab dem 30. März in Gräfrath vorgestellt.
Was bedeutet die Eröffnung der Ausstellung im Museum Baden für Sie ganz persönlich?
Hajo Jahn „Die Mühen des Gebirges liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebene“, heißt es bei Bertolt Brecht. Von der Gründung der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft im Jahre 1990 hat es bis heute fast 20 Jahre gedauert, um dem Ziel eines Zentrums der verfolgten Künste näher zu kommen. Seit den Bücherverbrennungen – sechs Wochen vor der reichsweiten Aktion vom 10. Mai 1933 gab es bereits am 1. April 1933 eine in Wuppertal – sind sogar 75 Jahre vergangen. Mit den Bücherverbrennungen hat die NS-Barbarei begonnen. Heinrich Heine hat es schon vorher gewusst: Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen.
Viele Künstler flüchteten vor der NS-Barbarei ins Exil.
Hajo Jahn Thomas und Heinrich Mann, Else Lasker-Schüler, Filmemacher wie Billy Wilder, Architekten wie Walter Gropius, Komponisten wie Paul Abraham oder Paul Hindemith, Künstler wie Max Ernst, Naturwissenschaftler wie Albert Einstein oder Geisteswissenschaftler wie Sigmund Freud waren Exilanten. Und sie waren die Besten aus der deutschen und damit abendländischen Kultur. Zum Teil gingen sie über jene Länder ins Exil, aus denen Migranten kommen, die heute in Deutschland leben und deren Kinder in unsere Schulen gehen.
Was erhoffen Sie sich in der Zukunft durch die Zusammenführung der Bürgerstiftung für verfemte Künste und der Else-Lasker-Schüler-Stiftung zum Zentrum der verfolgten Künste?
Hajo Jahn Um es mit dem bekanntesten politischen Exilanten zu sagen, mit Willy Brand: „Hier wächst zusammen, was zusammen gehört“. Sammler Dr. Gerhard Schneider war umgehend zu mir gekommen, als er von unserem Projekt erfahren und das Buch „Gewissen gegen Gewalt – für ein Zentrum der verfolgten Künste“ gelesen hatte. Seine Sammlung verfemter Künstler passt perfekt in dieses Vorhaben, das die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft 1994 mit dem Londoner Exil-PEN im Landtag zu Düsseldorf vorgestellt hatte.
Wie stellen Sie sich die Arbeit des Zentrums nach Ablauf der Ausstellung vor, und wie werden Sie persönlich darin eingebunden sein?
Hajo Jahn Wir arbeiten ja bereits seit Jahren mit Dr. Rolf Jessewitsch und seinem kleinen Team zusammen. Im Museum Baden haben wir Ausstellungen und Konzerte mit Musik verfolgter Komponisten gemeinsam organisiert, Lesungen wie die mit Iris Berben, Cornelia Froboess, Hannelore und Nina Hoger oder zuletzt mit Renan Demirkan organisiert. Denn unser Thema ist kein rückwärtsgewandtes, sondern ein aktuelles, solange es machtgierige Politiker gibt. Wir erleben das nicht nur bei der Ermordung von Journalisten in Russland, sondern erst jetzt wieder bei den Studentenprotesten in Birma und Tibet. Es sind die Intellektuellen, die als Vorbilder voran gehen beim Widerstand – und sie sind auch die ersten Opfer.
Sie haben im Internet auch ein Virtuelles Zentrum eingerichtet.
Hajo Jahn Ganz modern haben wir mit dem Museum Baden im Internet ein Virtuelles Zentrum der verfolgten Künste geschaffen (www.exil-archiv.de). Hier sind Kooperationen mit Universitäten möglich und mit dem Medienzentrum des Landschaftsverbandes Rheinland bereits angedacht. Wie überhaupt der Landschaftsverband Rheinland ja auch längst „mit im Boot ist“, was die Attraktivität des Vorhabens unterstreicht. Die Solinger Bernd Passmann und Ernst-Martin Walsken haben das früh erkannt. Und auch der Oberbürgermeister Franz Haug ist ja dankenswerterweise engagiert dabei.
Das Zentrum für verfolgte Künste wird im Museum Baden nur Gast sein. Sehen Sie langfristig ein Problem mit den Ausstellungs-Präsentationen und der Pflege der umfangreichen Sammlung des Zentrums?
Hajo Jahn Das „Zentrum“ ist eine Chance für Solingen und das Land Nordrhein-Westfalen. Hier entsteht eine internationale Einrichtung der Erinnerungskultur, die anders arbeitet als herkömmliche Institutionen. Der ehemalige Kultur- und Bauminister Michael Vesper hat ja in Solingen bei einer unserer Veranstaltungen öffentlich erklärt, das Land NRW solle einen Erweiterungsbau finanzieren. Es kommt jetzt darauf an, Gelder zu akquirieren, Mäzene zu motivieren, um die Stiftung so auszustatten, dass Ausstellungen und Veranstaltungen ebenso finanziert werden können wie weitere Mitarbeiter. Das kommunale Museum Baden – mit seiner städtischen Sammlung und den bisherigen regionalen Aktivitäten – könnte als zweites Standbein mit dem „Zentrum für verfolgte Künste“ Reputation gewinnen – und die stillen Helden der deutschen Kultur endlich eine Heimstatt.
Dr. Rolf Jessewitsch hat erklärt, dass die Sammlung von Jürgen Serke nach Ende der Ausstellung nur in verkleinerter Form im Altbau und das nur in drei Räumen weiter gezeigt werden wird. Ist dies für Sie als Leihgeber der Sammlung Serke eine akzeptable Lösung?
Hajo Jahn Das Museum ist zu klein für das große Vorhaben. Eine Erweiterung muss kommen, denn ich rechne fest damit, dass uns weitere Exponate, vielleicht sogar Sammlungen zum Thema übergeben werden. Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft hat ja bereits Originalzeichnungen der Dichterin eingebracht und Originalbriefe von Thomas Mann, die ihr gespendet worden sind. Es gab in der Vergangenheit immer wieder einmal Interesse von anderen Institutionen an unseren Sammlungen – ich würde es jedoch begrüßen, wenn im Bergischen Land, dem Else Lasker-Schüler sehr verbunden war, das „Zentrum der verfolgten Künste“ in Solingen bleibt. Und wächst.
Michael Tesch führte das Gespräch.
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