Solingen: Erst nass schleifen, dann der Tomatentest
zuletzt aktualisiert: 02.03.2009Solingen (RPO). Ein sanftes, regelmäßiges Schleifgeräusch erfüllt den Raum, keineswegs so schneidend wie man es von einem rotierenden Stein der direkt benachbarten Original-Heimwerkstatt kennt. Auf dem Tisch des kleinen Seminarraums im Obergeschoss des Rheinischen Industriemuseums stehen mit Wasser gefüllte Sprühflaschen. Jeder der zwölf Teilnehmer trägt eine Schürze mit der Aufschrift "Schnittkultur Solingen – Schärfeseminar" und hat einen kleinen Nassschleifstein vor sich auf dem Tisch liegen.
Ralf Jahn ist gelernter Schleifer und vermittelt in seinem Seminar "Schärfen und Pflegen" Fertigkeiten rund um das Nassschleifen von Messern. "Achten Sie darauf, dass der Stein permanent nass ist."Wichtig sei auch, dass die Schleifbewegung gleichmäßig verlaufe und stets den Schleifschlamm "mitnehme". Darunter versteht der 42-jährige Experte die schleimige Mischung aus Wasser und dem Abrieb des als Schleifstein dienenden "Belgischen Brocken", einem Naturstein, der in den Ardennen abgebaut wird. Auch die Bewegung müsse sowohl über die Längs- als auch die Querachse des Steines verlaufen, woraus eine sichelförmige Schleifbewegung resultiert. Offensichtlich ist das gar nicht so einfach, daher greift Ralf Jahn seinen Teilnehmern gerne über die Schulter und führt ihre Hände.
Passionierter Koch
Edzard Tholema ist passionierter Koch und mit den vermittelten Schleiftechniken sehr zufrieden: "Ich habe zuhause einige hochwertige Messer und ständig Angst, sie beim Schleifen kaputt zu machen." Daher hätte sich der 62-jährige Odentaler bislang nicht getraut, selbst Hand anzulegen. Jürgen Schneider (48) ist aus Bergisch-Gladbach, kocht ebenfalls leidenschaftlich gerne und legt dabei größten Wert auf "vernünftiges Werkzeug". Nach seinen Worten gebe es in den meisten Küchen nur stumpfe Messer, was den Besitzern aber nicht sofort auffiele, denn: "Den Unterschied bemerkt man erst, wenn man einmal mit einem professionell geschärften Messer arbeitet." Dann mache das Kochen nämlich richtig Spaß und daher hat er sich nun selber einen Nassschleifstein zugelegt.
Neben der Bewegung der Klinge über den Stein ist auch der Watenwinkel wichtig, in dem die keilförmige Schneide aufgesetzt werden muss. Der beträgt bei europäischen Messern 30 Grad, daher "müssen sie im Vergleich zu japanischen Exemplaren beim Schleifen steiler gehalten werden", so Jahn weiter, der im Wipperkotten Solingens letzte mit Wasserkraft betriebene Schleiferwerkstatt betreibt.
Nach getaner Arbeit folgte schließlich der "Tomatentest", bei dem das soeben geschliffene Messer ohne jeden Druck über eine Tomate führte: Es glitt hindurch wie eine heiße Klinge durch ein Stück Butter.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



