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Solingen: Fast ans Ende der Welt

VON PETER SEIFFERT - zuletzt aktualisiert: 24.07.2009

Solingen (RPO). Klaus-Peter Stock hat ein sehr persönliches Buch über den Jakobsweg geschrieben. Als er losging, wollte er nur weg. Unterwegs wurde er zum Pilger.

Klaus-Peter Stock hat ein Buch über seine Wanderung auf dem Jakobsweg geschrieben.  Foto: RPO
Klaus-Peter Stock hat ein Buch über seine Wanderung auf dem Jakobsweg geschrieben. Foto: RPO

Es ist der zweite Tag, kurz hinter Köln. Klaus-Peter Stock empfindet hier in der Eifel eine Leichtigkeit, die er lange nicht mehr spüren durfte. Der Grundschulrektor ist nervlich am Ende in diesem Jahr 1992, als er sich seiner alten Wanderlust entsinnt und beschließt, den Jakobsweg zu wandern, in Etappen, parallel zum aufreibenden Berufsleben. "Ich hatte wirklich ein absolutes Tief", sagt er heute, "am Anfang ging es daher nicht um die großen Fragen." Nur weglaufen wollte er, dem Alltag entfliehen. Schon auf dieser zweiten Etappe atmet er auf, will singen, jubilieren, fühlt sich endlich befreit - so verrät es sein Tagebuch "Vom ,weg' zum Weg", ein sehr persönliches Zeugnis eines sehr persönlichen Weges.

Info

Das Buch

"Vom ,weg' zum Weg" war als persönliches Tagebuch gedacht, wurde aber auf Empfehlung einer Kollegin Klaus-Peter Stocks veröffentlicht. der Titel entstand 1992.

330 Seiten, 14,50 Euro, ISBN 978-3-8107-0047-6. Stock liest mittlerweile manchmal dreiminütige Auszüge in Gottesdiensten der evangelischen Kirche Wald.

www.verlag-mainz.de

Stock der im Jahr 2000 pensioniert wurde lacht viel, wirkt gelöst und begeistert, wenn er von den zehn Jahren erzählt, die er für die 2656 Kilometer brauchte. "Ich habe mich auf diesem Weg verändert - auch, was eine religiöse Sicherheit angeht", sagt er. Denn schnell befand sich der Fliehende auf der Suche nach einem persönlichen Halt. Wieso sei er eigentlich an der Clemenskirche gestartet? Warum habe er in der Kölner Severinskirche eine Kerze angezündet? Wem gelte der Dank für eine schöne, friedliche Naturerfahrung? Und dürfe er Früchte vom Apfelbaum am Wegesrand pflücken, eine kostenlose Versorgung, die dem Pilger erlaubt ist - aber eben nicht dem Wanderer? Über solche Fragen setzte sich Stock mit seinem Glauben auseinander, an dem er häufig gezweifelt hatte, obwohl er Religionslehrer war.

Den größten Teil des Weges lief der 68-Jährige mit einem Freund, der im Buch den Spitznamen "Ente" trägt. Bis Südfrankreich begleitete ihn seine Frau Gudrun häufig mit dem Wohnwagen. Sie war es auch, die ihm riet, mit dem Loswandern nicht bis zur Pensionierung zu warten, sondern die Ferienzeit zu nutzen. "Dieser Weg hat mich zehn Jahre lang getragen", sagt Stock heute. Die komfortable Schlafmöglichkeit auf dem ersten Teil des Weges half allerdings nicht gegen Blasen an den Füßen, zumal der Lehrer tatsächlich jeden Kilometer des Weges laufen wollte.

Nur einmal, erzählt er, habe er mit einer Fähre die Mosel überquert. Alle anderen Schritte tat er selbst - anfangs übrigens ohne Karte: "Ich dachte, wenn ich immer Richtung Südwesten gehe, muss ich irgendwann ankommen." Später hatte Stock Karten- und Buchmaterial, ließ die beschriebenen Sehenswürdigkeiten aber am Wegesrand liegen. Denn beeindruckend seien vor allem die menschlichen Begegnungen gewesen, sagt er. So habe er in einem kleinen Ort, gemeinsam mit anderen Pilgern, eine Kirche besucht und dort ein Gedicht vorgelesen. "Daraufhin ist einer meiner Begleiter in Tränen ausgebrochen", erzählt er. "Das war für ihn einfach eine seelische Erschütterung."

Solche Momente seien Schlüsselerlebnisse gewesen, sagt Stock. Am Ende des Marsches, vier Kilometer vor Santiago de Compostela, liegt eine Anhöhe, über die viele Pilger mit Glücksgefühlen wandern. Wer sie überquert, sieht die Kathedrale und damit das Ziel des Weges vor sich. Stock dagegen sah - nichts. Nebel und Regen versperrten die Sicht. Ein Bild, das passte, findet der Solinger. "Denn je näher ich kam, desto mehr war die Luft raus", sagt er. "Muss ich inzwischen sagen: Das Glück war die Reise?", fragt er in seinem Buch. Wer ihm heute zuhört, kann diese Frage eindeutig mit "Ja" beantworten.

Deswegen ist es auch nicht schlimm, dass Stock und Ente, die nach Santiago weiter nach Finisterre ans "Ende der Welt" wandern wollten, kurz vor der Küste umkehrten. "Es hat Bindfäden geregnet, und ich wollte keine Lungenentzündung riskieren, weil meine Tochter eine Woche später heiratete", erzählt Stock. Als er heimkam, da leuchtete ein Regenbogen über dem Haus. "Da dachte ich, das ist guter Abschluss. Manchmal mag ich diese Symbolik", sagt er lächelnd. Und doch: Noch fehlen 58 Kilometer bis Finisterre. Eines Tages, sagt Stock, wird er dieses Stück vielleicht auch noch wandern - oder pilgern.

Quelle: RP

 
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