Solingen: Freude über 20 Jahre Freiheit
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 07.11.2009Solingen (RPO). Fluchthelfer Alexander Wiegand holte in den 70-er Jahren 129 Menschen aus der DDR in den Westen.
Am Tag des Mauerfalls war er in Berlin und auch den 20.Jahrestag wird der 68-jährige Solinger dort verbringen.Treffen auf Parkplätzen sind für Alexander Wiegand nichts Ungewöhnliches. 129 Menschen hat der Solinger in den 70-er Jahren über die Grenze zwischen Ost und West geschmuggelt, viel Zeit auf Parkplätzen verbracht, Flüchtlinge in Autos versteckt, V-Männer getroffen und Männer vom BND. Dass Wiegand gestern auf einen Parkplatz zum Gespräch eingeladen hatte, geschah aus einem profaneren Grund: Auf dem Gelände hinter der Feuerwache an der Katternberger Straße stand sein Elternhaus, hier wurde, wie er sagt, der Grundstein gelegt für sein gefährliches Engagement für Menschen, die nicht in Freiheit lebten. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin kommen bei dem 68-Jährigen viele Erinnerungen hoch.
"Als die Mauer fiel, war ich gerade in Berlin, ich arbeitete als Lkw-Fahrer für eine Essener Firma und erlebte hautnah mit, wie die Menschen aus dem Osten in den Westen strömten." Auch den 20. Jahrestag am 9. November wird Alexander Wiegand in der Bundeshauptstadt verbringen, vom Museum am Checkpoint Charlie eingeladen als Zeitzeuge, der inzwischen auch als politischer Häftling anerkannt ist. Denn 1972 flog er als Fluchthelfer auf, wurde verhaftet und verbrachte viereinhalb Jahre seiner insgesamt 26-jährigen Haftstrafe in einem tschechischen Gefängnis.
An der Katternberger Straße 38 wurde Alexander Wiegand 1941 geboren, der Vater war gewalttätig, die Familie arm, die Mutter wusste kaum, wie sie die fünf Kinder durchbringen sollte. "Ich habe oft Schnee gefegt auf der Katternberger Straße und bin dann von Haus zu Haus gegangen und habe ein wenig Geld kassiert", erinnert sich der Fluchthelfer an seine Jugend. "In den Garagen, die noch heute hinter der Feuerwache 1 stehen, waren Amerikaner, da gab es schon mal Plätzchen und Schokolade", berichtet der 68-Jährige von den wenigen Lichtblicken in seiner Jugend, in der er viel Zeit in der Feuerwache verbrachte.
"Das alles hat mich sehr geprägt, schon immer wollte ich Menschen helfen", erzählt der Familienvater, der mit seiner weißrussischen Frau Ludmilla (34) und seinen beiden Kindern Maria Elisabeth (3) und Luis Andre (6 Monate) in Mülheim lebt. Fluchthilfe muss Alexander Wiegand heute nicht mehr leisten, doch das Schicksal der Menschen im Osten bewegt ihn immer noch. So zeigt er das Foto eines Leukämiekranken Jungen aus Weißrussland, dem er gerne eine Operation im Westen finanzieren möchte und schwärmt von einer Sozialstation, die er dort aufgebaut hat. "Weil ich selbst eine so schwere Jugend hatte, wollte ich Zeit meines Lebens anderen Menschen helfen", sagt Alexander Wiegand und freut sich, dass die Menschen seit nunmehr 20 Jahren in ganz Deutschland in Freiheit leben können.
Von seiner Zeit als Fluchthelfer ist nur die mehr als 2000 Seiten starke Stasi-Akte geblieben, die er inzwischen eingesehen hat. Und da geriet Alexander Wiegand doch ins Grübeln, als er sah wie viel seinerzeit über seine Aktivitäten bekannt geworden war und wie viele Informationen auch von Menschen aus Solingen kamen. Dennoch, in seine Heimatstadt möchte er unbedingt zurückkehren. Derzeit sucht er ein Grundstück, um ein Haus für seine junge Familie zu bauen, am liebsten in Aufderhöhe oder Hästen, denn irgendwie hat ihn Solingen fürs Leben geprägt.
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