Wuppertal/Solingen: Frühchen droht die Erblindung
VON BERND BUSSANG - zuletzt aktualisiert: 22.02.2012Solingen (RP). In der Wuppertaler Klinik St. Anna sollen Ärzte das Baby Linus aus Solingen und zwei weitere Kinder mit falsch dosiertem Wirkstoff behandelt haben. Dem kleinen Jungen droht Erblindung. Staatsanwaltschaft ermittelt.
Was als "Routineuntersuchung" angekündigt war, endete für Mutter und Kind in einem Desaster: Dem zu früh geborenen Baby Linus aus Solingen ist in der Wuppertaler Klinik St. Anna (frühere Landesfrauenklinik) irrtümlich ein 1000-fach zu hoch dosierter Wirkstoff in die Augen geträufelt worden. So steht es in einem Untersuchungsbericht, der der Morgenpost in Kopie vorliegt. Das Kind erlitt Verätzungen dritten Grades an beiden Augen, nun droht offenbar Erblindung. Ein erster Eingriff in der Helios-Kinderklinik in Wuppertal war offenbar nicht erfolgreich.
"In einer Schockstarre"
Der Wirkstoff
Pharmazeutisch wird Benzalkoniumchlorid in niedrigen Konzentrationen zur Konservierung von Nasen- und Augentropfen verwendet. Es wirkt gegen Bakterien, Pilze, Hefen und Algen.
Höherkonzentriert ist es in vielen Desinfektions- und Reinigungsmitteln bekannter Hersteller (beispielsweise Sagrotan) zur Flächendesinfektion enthalten.
Eugen Ordowski hat Strafanzeige gegen die Klinik erstattet. Er macht sich größte Sorgen um seine Tochter und um sein gerade mal wenige Wochen altes Enkelkind Linus. "Meine Tochter ist vollkommen am Boden und derzeit nicht ansprechbar", sagt Ordowski. "Sie befindet sich in einer Art Schockstarre." Psychologische Betreuung sei ihr bisher nicht angeboten worden, sagt der Großvater. Baby Linus befinde sich weiterhin im Brutkasten in der Wuppertaler Helios-Klinik, Mutter und Vater seien bei ihrem Kind. Eine komplizierte Schwangerschaft sei es gewesen, berichtet Ordowski. Nach 28 Wochen wurde Linus geboren. Am 7. Februar kam es bei einer Untersuchung des Kindes dann zu dem "Zwischenfall", wie der ärztliche Bericht es nennt.
"Es wurden Augentropfen verwendet, die in einer falschen Dosierung zusammengesetzt waren", heißt es in dem Bericht. "Der Wirkstoff Benzalkoniumchlorid (Konservierungsmittel, s. Info d. R.) wurde dem zum Weittropfen verwendeten Präparat in 1000-fach zu hoher Dosierung zugesetzt", so das ärztliche Bulletin.
Das Klinikum St. Anna bestätigte gestern den Fall. Insgesamt seien drei Kinder betroffen, bei zweien seien die Prognosen, dass sie ihre Sehkraft womöglich auch unvermindert behalten, positiv, heißt es in einer Stellungnahme. "Als Ursache für diesen Zwischenfall sind eine Falschübermittlung der Rezeptur unter den behandelnden Ärzten sowie unvollständige Prüfungen der zuständigen Apotheke ermittelt worden", berichtet Kliniksprecher Martin Mackenberg-Hübner. "Eine weitergehende Gefährdung für die Betroffenen oder weitere auf der Neugeborenen-Intensivstation versorgte Kinder ist damit ausgeschlossen."
Klinik bedauert den Vorfall
Das Klinikum habe seinerseits die Ermittlungsbehörden eingeschaltet und prüfe auch intern die "generellen Abläufe seitens des Klinikverbundes St. Antonius und St. Josef und des Helios-Klinikums Wuppertal". Die Neugeborenen-Intensivstation und die Apotheke seien Einrichtungen des Klinikverbundes St. Antonius und St. Josef am Standort St. Anna-Klinik. Die auf der Station tätigen Fachärzte für Kinderheilkunde seien im Rahmen einer Kooperation gestellte Ärzte der Helios-Kinderklinik Wuppertal. "Wir bedauern sehr, dass ein Fehler in der Zusammensetzung der Augentropfen diese Folgen hatte", sagt Mackenberg-Hübner.
Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Wuppertal wegen fahrlässiger Körperverletzung. Berichten zufolge werde noch nicht gegen konkrete Personen ermittelt. Zunächst soll aufgeklärt werden, wer die Tropfen zubereitet hat und wer die Vorgaben dafür gemacht hat. "Wir stehen ganz am Anfang", heißt es.
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