Solingen: Gedenken ist Zukunftsaufgabe
VON GÜNTER TEWES - zuletzt aktualisiert: 10.11.2011Solingen (RP). Unter den rund 200 Teilnehmern der Gedenkveranstaltung zum 73. Jahrestag der Pogromnacht an der ehemaligen Synagoge an der Malteserstraße waren viele junge Solinger. Sie machten deutlich, dass es Aufgabe der nächsten Generation sein wird, die Erinnerung weiter zu tragen.
Sie sind Schüler; und sie sind 16 beziehungsweise 17 Jahre alt. "Gerade auch unsere Generation", sagen Anne König, Otto Kappner und Sven Przywarra mit Entschiedenheit, habe dafür zu sorgen, dass das nicht in Vergessenheit gerät – damit so etwas nicht noch einmal passiert. "Auch wir haben die Aufgabe die Erinnerung wach zu halten", sind die Jugendlichen überzeugt.
Alle drei gehören dem Jugendstadtrat an. Neben zahlreichen weiteren jungen Solingern haben sie gestern an der Gedenkveranstaltung zum 73. Jahrestag der Pogromnacht am Standort der ehemaligen Synagoge an der Malteserstraße teilgenommen. Insgesamt haben dort rund 200 Teilnehmer den jüdischen Opfern der Nazis gedacht. Deutlich wird, dass es Aufgabe der jungen Generation wird, die Erinnerung weiter zu tragen.
Modell der Synagoge
Anlässlich des 73. Jahrestages der Reichspogromnacht wird am heutigen Donnerstag zum ersten Mal das Modell der Solinger Synagoge der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei Ausstellungseröffnung um 19.30 Uhr in der Begegnungsstätte Alte Synagoge an der Genügsamkeitsstraße in Wuppertal wird Dr. Horst Sassin einen Vortrag halten. Das Modell, für das die Stadt-Sparkasse Solingen den größten Teil der Kosten übernommen hat, wird dann Teil der Dauerausstellung "Tora und Textilien".
Oberbürgermeister Norbert Feith erinnert an das jüdische Gotteshaus in Solingen, das in der Nacht zum 10. November 1938 von einer "hinterhältigen Bande" in Brand gesteckt wurde, und er spricht vom Journalisten Max Leven, der in jener Novembernacht 1938 in seiner Wohnung in der Solinger Innenstadt von Nazis misshandelt und schließlich erschossen wurde.
"Wir müssen uns auch nach 73 Jahren daran erinnern", mahnt Feith. Sein Appell: Es ist Aufgabe jedes Einzelnen Verantwortung zu übernehmen. Doch es seien vor allem junge Leute gefordert, sich zu engagieren.
So wie Anne König, Otto Kappner und Sven Przywarra, aber zum Beispiel auch Paula Thamm, Ahmet Suratli und Milena Feith vom Jugendstadtrat sowie weitere Schüler, die nach der Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Synagoge das Banner mit der Aufschrift "Hand in Hand für Toleranz" während des Schweigemarsches in Richtung Stadtkirche am Fronhof vorweg tragen.
Dort stellt der Jugendstadtrat ein Programm von Jugendlichen für Jugendliche auf die Beine. Schüler verschiedener Schulen wollen über ihre verschiedenen Projekte berichten. 200 Luftballons sollen aufsteigen, die Zettel mit Zukunftswünschen junger Solinger befördern.
"Wer sich erinnert, gewinnt Zukunft", betont Pfarrer Axel Stein mit Blick auf diese dunkelsten Jahre in der deutschen Geschichte. "Wir alle müssen sensibel werden für Situationen, in denen Menschen zu Sündenböcken abgestempelt werden", richtet Stein den Blick in die Zukunft.
Für Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde in Wuppertal, geht dies nur zusammen. "Nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Neonazis und Rechtsradikale in unseren Städten keinen Platz finden", unterstreicht er.
Für die 16- beziehungsweise 17-jährigen Anne König, Otto Kappner und Sven Przywarra ist die Erinnerung an die Pogromnacht auch nach 73 Jahren unverändert wichtig und keine Frage des Alters. Das große Banner, das sie zusammen mit anderen Jugendlichen tragen, zeigt jedenfalls zahlreiche Puzzlesteine, die in verschiedenen Sprachen Vielfalt und Zusammenhalt ausdrücken. Zugleich werden auf dem Banner symbolkräftig die Begriffe Diskriminierung, Unterdrückung, Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt in den Mülleimer geschleudert.
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