Solingen: Hausärzte gesucht
VON GÜNTER TEWES - zuletzt aktualisiert: 31.07.2010Solingen (RPO). Dr. Stephan Brink ist Hausarzt aus Berufung. Dass in Solingen aber schon sechs Vertragsarztplätze für die Allgemeinmediziner mit enger Patientenbindung unbesetzt sind, wundert den 39-Jährigen nicht.
Die Sprechstunde ist eigentlich seit eineinhalb Stunden beendet. Plötzlich steht eine beunruhigte Frau vor der Tür der Ohligser Praxis. Ihre kleine Tochter habe keine Behandlungstropfen mehr. Ob ihr der Arzt noch schnell helfen könne? Solche Art Notfälle gehören zum Berufsalltag von Dr. Stephan Brink. Logisch, dass er die Angelegenheit kurzerhand erledigt, ohne an den Dienstschluss zu denken.
Hausarzt – das sei für ihn Berufung. Er bekomme häufig die Bestätigung, "dass er den Menschen wirklich geholfen hat". Mitunter ist es ja auch nicht das Medikament selbst, sondern die Rund-um-Betreuung, die den Patienten so gut tut. Ein ausführliches Gespräch wirkt manchmal Wunder beim Heilungserfolg. Doch diese Betreuung fällt Brink und seinen 101 Solinger Hausarzt-Kollegen zunehmend schwerer. Sie fühlen sich durch das enge Korsett des Gesundheitssystems und der Kostendeckelung immer enger eingeschnürt. "Man hat fast keine Planungssicherheit mehr, weil ständig etwas geändert wird."
Sechs freie Vertragsarztplätze für Hausärzte in Solingen meldet die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit Sitz an der Hauptstraße. "Wer will heute noch in eine eigene Praxis investieren, wenn er nicht weiß, wie es weiter geht?" – so beschreibt Annemarie Jacob von der KV das Dilemma. Rosiger dürften die Aussichten sowohl für die Ärzte, aber auch die Patienten nach ihrer Einschätzung in Zukunft nicht werden: "Die Leistungen werden weiter gekürzt und die Wartezeiten für Patienten immer länger."
Sie beobachtet eine zunehmende Frustration in dem Berufsstand: "Ärzte haben den Glauben daran verloren, dass es in nächster Zeit besser werden könnte." Stephan Brink, Facharzt für Allgemeinmedizin, der auch Sportmedizin und Chirotherapie anbietet, betreibt mit Dr. Stephan Lenz eine Gemeinschaftspraxis in Ohligs.
Seit zweieinhalb Jahren ist er dort als Hausarzt tätig. Während des Zivildienstes im Altenpflegebereich hat er den Berufswunsch gefasst. Zwei seiner Freunde aus dem Medizinstudium arbeiten heute in Schweden. Dort hätten sie weniger Bürokratie und mehr Zeit für die Patienten.
Dass sich in Solingen für gleich sechs Vertragsarztplätze keine Mediziner finden lassen, überrascht Stephan Brink nicht. "Jeder sollte sich das gut überlegen, angesichts eines hohen persönlichen und zeitlichen Einsatzes – und einem immer geringeren Einkommen." Annemarie Jacob von der Kassenärztlichen Vereinigung spricht von Honorareinbußen bis zu 30 Prozent in den vergangenen Jahren. "In den Praxen wird es immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden." Wenn die Entwicklung so weiter geht, könnte die ärztliche Versorgung in fünf bis zehn Jahren sogar zum Akutfall werden, wenn in zahlreichen Praxen ein Generationswechsel ansteht.
Die Kostendeckelung trifft den Patienten nach Stephan Brinks Worten aber bereits heute unmittelbar: Seit dem 1. Juli gibt es für Hausbesuche von der Krankenkasse keine Extravergütung mehr. Als Hausarzt sei das dann sein Privatvergnügen. Brink nimmt dies auf sich – am Abend nach der Sprechstunde besucht er die Patienten: Einem älteren Menschen mit Lungenentzündung sei doch nicht zuzumuten, sich ins Wartezimmer zu setzen.
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