Solingen: Heilige Nacht
VON GÜNTER TEWES - zuletzt aktualisiert: 24.12.2009Solingen (RPO). Die Kirchen sind Heiligabend so voll wie sonst nie im Jahr. Über 30 000 Solinger werden es heute in Christmetten und Familiengottesdiensten. "Für viele ist das der Punkt des Tages, an dem sie Ruhe finden und sich besinnen können", beobachtet Dekanatsratsvorsitzende Ulrike Spengler-Reffgen.
Stille Nacht, heilige Nacht – "das allergrößte Geschenk ist Jesus", singen die Kinder und malen mit ihren ausgestreckten Armen die Umrisse eines Riesengeschenks in den Altarraum der Dorper Kirche, als ob sie die ganze Welt umarmen wollten. "Wenn die Kinder in ihre Rollen schlüpfen, egal ob Maria, Josef, ein Engel oder ein Hirte, und im Weihnachtsmusical mitsingen, dann wird für sie die Weihnachtsgeschichte richtig lebendig", sagt Stephanie Schlüter. Seit Herbst hat die Kantorin mit den 30 Fünf- bis Zehnjährigen des Kinderchors der evangelischen Gemeinde geprobt – für die Aufführung in der Familienmesse an Heiligabend. "Es ist schön mit so vielen zusammen zu feiern und im Gottesdienst die Weihnachtsgeschichte zu erleben, nicht nur zu hören."
"Das wird toll." Die Kinder freuen sich auf den Auftritt, auch weil die Kirche heute proppenvoll wird.
"Gott ist in die Welt gekommen. Er hat uns sich selber geschenkt." Das ist für den evangelischen Pfarrer Thomas Förster der Kern der Weihnachtgeschichte: Die Hirten werden zum Stall gerufen und von Engeln über die Bedeutung unterrichtet, und die Hirten erkennen das Geschenk. Weihnachten, sagt Förster, wird diese Freude an die Menschen weiter gegeben.
An keinem Tag im Jahr strömen so viele Menschen in die Kirchen. Gut 15 000 kamen im vergangenen Jahr am 24. Dezember in die Gottesdienste der evangelischen Gemeinden. Statistisch gesehen hat damit fast jeder dritte evangelische Solinger am Heiligabend-Gottesdienst teilgenommen. Die evangelischen Kirchen laden allein heute zu 50 Gottesdiensten ein. Der katholische Pfarrer Gerd Breidenbach erwartet Heiligabend in St. Clemens bei der Kinderkrippenfeier, der Christmette für Familien und der Mitternachtsmette sowie dem Gottesdienst am ersten Weihnachtstag zusammen gut 2000 Besucher. Die zwölf katholischen Pfarrgemeinden haben 14 Kirchen, und hinzu kommen noch die Krankenhäuser.
Die Menschen haben ein starkes Gespür für das religiöse Fest mit der Geburt Jesu, beobachtet Dekanatsratsvorsitzende Ulrike Spengler-Reffgen. Offenbar gibt es eine Sehnsucht, sich vor oder nach dem Weihnachtsessen und dem Geschenke auspacken auf den Kern der Weihnachtsbotschaft zu konzentrieren. Sie kennt viele Familien, die zusammen an Heiligabend in die Kirche gehen. "Für viele ist der Gottesdienst oder die Heilige Messe an Heiligabend der Punkt des Tages, an dem sie Ruhe finden und sich besinnen können."
Weihnachten ist das Fest der Familie. Auch bei Spengler-Reffgens hat der Tag eine feste Tradition. Geschenke werden aber erst nach der Christmette um 22 Uhr in St. Mariä Himmelfahrt ausgepackt, in der alle drei Kinder als Messdiener mitwirken. "In vielen Familien gibt es bestimmte Rituale, die jedes Jahr gleich ablaufen." Ulrike Spengler-Reffgen findet das gut, weil Weihnachten dann verlässlich ist.
Verlässlich ist aber ebenso der übervolle Gottesdienst an Heiligabend. Menschen mussten mitunter sogar wieder umkehren, weil die Kirche bei Familiengottesdiensten und Krippenspielfeiern am Nachmittag mit all den Kindern, Eltern, Großeltern, Verwandten und Nachbarn überfüllt war. Vorschläge, Platzkarten für Gottesdienste zu vergeben, bezeichnet Pfarrer Förster allerdings als theologisch absurd. Standpunkt des Sprecher des evangelischen Kirchenkreises: Bevorzugte Plätze für Kirchenmitglieder wird es nicht geben. Gott komme ausnahmslos zu allen Menschen auf die Erde. Das feiere die Christenheit zu Weihnachten. Ein unterschiedliches Teilnahmerecht an den Gottesdiensten würde nach Försters Worten diesen wichtigen Teil der Weihnachtsbotschaft verdunkeln. Die Offenheit für Nicht- und Noch-Nicht-Kirchenmitglieder gehöre darum gerade an Weihnachten seit jeher dazu.
Ulrike Spengler-Reffgen sieht das ähnlich. "Bei uns gibt es keine Eintrittskarten. Es wird kein Mitgliedsausweis verlangt." Sie lädt ausdrücklich ein: Jeder könne am Gottesdienst teilnehmen und sich auf die Botschaft einlassen – auch, oder vor allem gerade an Heiligabend und an den Weihnachtstagen.
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