Solingen: In blinder Wut getötet
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 26.03.2011Solingen (RPO). Tritte, Schläge und mindestens 16 Messerstiche in Kopf und Nacken töteten am 9. Juli 2010 den Obdachlosen Roland H. in Ohligs. Am Freitag begann der Prozess. Der 23-jährige Täter ist geständig.
"Es geht mir prima, ich zittere nicht einmal." Mit diesen Worten beschrieb der 23-jährige Abdelmajid A. seine Gefühle, nachdem er soeben einen Menschen getötet hatte. Einen Menschen, den er zuvor durch Fußtritte und Schläge gegen den Kopf wehrlos prügelte und den er dann mit mindestens 16 Messerstichen tötete. Niederknien musste das Opfer vor seinem Peiniger, was dann passierte, beschreibt der Täter später mit "blinder Wut". Eine Wut auf die ganze Welt, nicht auf sein Opfer, den 51-jährigen Obdachlosen Roland H., einen großen stattlichen Mann, der schon seit vielen Jahren auf der Straße lebte.
"Ich habe ihm den ganzen Frust ins Gesicht getreten", hat A. später bei Gutachter Dr. Ingo Faustmann erklärt. Dann sei so etwas wie Kontrollverlust eingetreten, aber kein Blackout, denn er könne sich ja noch erinnern. Auch sein Freund, mit dem er dem Obdachlosen zunächst das Portemonnaie geklaut hatte, kann sich erinnern. Zum Beispiel, dass A. ihm nach der Tat erzählte, er habe schon immer mal wissen wollen, wie das ist, einen Menschen zu töten, einen großen, stattlichen noch dazu.
Dieser große, stattliche Mensch stammt aus einer gutbürgerlichen Familie. Sein neun Jahre älterer Bruder, der als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, schilderte gestern im Zeugenstand, wie der Weg Roland H. auf die Straße führte. Früh die Mutter verloren, wuchs er beim Vater auf, der seinem Sohn Roland auch einen Job als Auslieferungsfahrer besorgte.
Die Ehe mit einer sehr jungen Frau zerbrach schnell, er wechselte den Job und auch häufig die Wohnung, berichtet der Bruder. Probleme mit dem Alkohol kamen später hinzu. Mitte der 80er Jahre verlor Roland H. den letzten Halt, lebte immer wieder in Einrichtungen für Obdachlose in Norddeutschland und schließlich ganz auf der Straße. "Irgendwann fand er sich in einem geordneten Umfeld nicht mehr zurecht", sagt sein Bruder (61), der gerne verstehen möchte, wie es zu der grausamen Tat kam.
Der Täter will dazu nichts sagen. Die Erklärung, die er zu Prozessbeginn verliest, ist kurz. Sie beinhaltet ein volles Geständnis und endet mit den Worten: "Ich bedauere meine Tat außerordentlich." Mehr wolle er nicht sagen. Auch Fragen zur Person, so erklärt sein Verteidiger Athanasius Antonakis, werde sein Mandant derzeit nicht beantworten.
Länger fiel die schriftliche Erklärung des Mitangeklagten Werner F. aus. Er hatte sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht, als A. den Obdachlosen tötete. Er war daher auch Anfang Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Doch die Zeit bis dahin, so der 24-Jährige, habe er genutzt, sein Leben neu zu ordnen. Eine neue Beziehung, eine feste Arbeitsstelle als Lagerist, eine neue Wohnung sind die neuen Eckpunkte seines Lebens, das im vergangenen Sommer schon tief in die kriminelle Szene abgerutscht war. Am Tatabend war er mit Abdelmajid A. auf der Suche nach Diebesgut.
In Autos und Gartenlauben wollte man nachsehen. Ein Messer hatte er dabei, die spätere Tatwaffe, während A. einen mit Quarzsand gefüllten Handschuh in der Tasche trug. Zuvor hatten die beiden in ihrer gemeinsamen Wohnung in einer Obdachlosenunterkunft ferngesehen, auch Alkohol soll getrunken worden sein, bevor man sich aufmachte und eher zufällig auf das spätere Opfer traf.
Nach der Tat wurde der bei dem Obdachlosen erbeutete Geldschein an einer Tankstelle in ein belegtes Brötchen, eine Flasche Mezzomix und eine Geflügelwurstrolle umgesetzt.
Am nächsten Tag fuhr A. zu einer Freundin, gestand ihr die Tat, wusch seine Wäsche und ging nach Hause. Dort wurden er und sein Mitbewohner noch am selben Tag von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen.
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