Solingen: Kämpfen gegen ein Vorurteil
VON GÜNTER TEWES - zuletzt aktualisiert: 20.01.2010Solingen (RPO). Wenn Sandra und Michael Seppelt ihren Sohn heute an einer weiterführenden Schule anzumelden hätten, würden sie mit Tim gleich zu einer Hauptschule gehen – ohne den schmerzlichen Umweg über die Ablehnung an einer Gesamtschule. Ihr Kind sei an der Hauptschule gut aufgehoben und werde gefördert, sagen sie mit Entschiedenheit. Doch diese positive Erfahrung mussten die Eltern im ersten Halbjahr der Klasse 5 erst machen. Der Elfjährige geht in die Hauptschule Höhscheid. In seiner Klasse sind 22 Kinder, die von zwei Klassenlehrern unterrichtet werden; und zwar in möglichst vielen Unterrichtsfächern. Das ermöglicht den Kindern festere Bezugspunkte.
Die Eltern des Elfjährigen gestalten das Schulleben dort aktiv mit, und Michael Seppelt ist heute sogar Schulpflegschaftsvorsitzender. Vor einem Jahr, als die Anmeldungs-Entscheidung anstand, war daran nicht zu denken. Das Image der Hauptschule spricht eindeutig gegen diese Schulform. "Wie könnt ihr euer Kind zur Hauptschule schicken?" – auch Sandra und Michael Seppelt haben dies mehrfach im Bekanntenkreis gehört.
Susanne Cortinovis leitet die Hauptschule Ohligs. Sie erlebt unmittelbar, wie schwer es ihre Schulform hat. "Wir müssen kämpfen. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist nicht da." Die Hauptschule werde meist unten im Bildungssystem angesiedelt.
Auch Stadtschulpflegschafts-Vorsitzender Wolfgang Sinkwitz beobachtet einen Widerspruch. Im Redaktionsgespräch bedauert er, dass das Negativ-Bild dieser Schulform bei all jenen besteht, die von außen auf die Hauptschule blicken. Wer diese aber in der Unterrichtspraxis tatsächlich erlebe, bekomme einen ganz anderen Eindruck von den besonderen Chancen, die den Kindern geboten werden könnten. Leider, so Sinkwitz, seien diese Möglichkeiten bei den Eltern nicht so bekannt. Bei Familie Seppelt ist das anfangs ebenso gewesen. Deshalb haben sie ihren Sohn vor einem Jahr zunächst an einer Gesamtschule anmeldet und prompt die Ablehnung bekommen. "Wir waren wütend und enttäuscht", erzählt Sandra Seppelt. Doch dann hat sich die Familie in den vier Solinger Hauptschulen informiert. Grund, ihr Kind in Höhscheid anzumelden, war unter anderem die günstige Busverbindung.
Anmeldetermine
Wegen der zu erwartenden hohen Zahl der Ablehnungen starten die Gesamtschulen bei den Anmeldungen der Viertklässler an den weiterführenden Schulen; und zwar am Donnerstag, 4. Februar.
Die Anmeldungen an den Haupt- und Realschulen sowie den Gymnasien finden zwei Wochen später statt: Donnerstag, 18. Februar.
Solingen hat vier Hauptschulen: Central (Guntherstraße), Höhscheid (Kanalstraße), Krahenhöhe (Schützenstraße), Ohligs (Rennpatt).
"Uns geht es um die Förderung der Kinder", betont die Ohligser Rektorin. Sie würde sich wünschen, dass die Eltern ihr Recht auf eine Beratung an "unserer Schulform" wahrnehmen. Ein Telefonanruf genüge, um kurzfristig einen Gesprächstermin zu vereinbaren.
Prinzip in den Hauptschulen ist die vielfältige Berufsorientierung, um das Kind gezielt auf das Berufsleben vorzubereiten. "Möglichst früh Praxis in die Schule zu bringen, das ist unser Kapital und es ist unserer Konzept", unterstreicht Cortinovis. In Ohligs beispielsweise haben schon die Siebtklässler ein Tagespraktikum. Das setzt sich wie ein roter Faden bis zu den Zehntklässlern fort.
Zusammen mit der bergischen Industrie- und Handelskammer wird Schülern inzwischen nicht nur Praxis-Erfahrungen in der Lehrwerkstatt Metall geboten, sondern auch im Bereich Elektro und Gastronomie. Die "kleine Gesamtschule" steht unter dem Logo der Hauptschule Ohligs. Für Rektorin Cortinovis zeigt dies das selbstbewusste Selbstverständnis im Unterrichtsgebäude am Rennpatt. Denn man eröffne – wie eine Gesamtschule, nur eben ohne Oberstufe – den Kindern den Weg, alle Schulabschlüsse erreichen zu können. Von den 20 Hauptschülern der 10B-Klasse im Sommer seien beispielsweise vier der Entlass-Schüler in eine gymnasiale Oberstufe gewechselt, um in Richtung Abitur zu gehen.
Auch Sandra und Michael Seppelt sehen dies bei ihrem Sohn Tim. "Ihm stehen noch alle Möglichkeiten offen." Für ihr Kind sei es doch viel motivierender, auf Erfolgserlebnisse bei den Klassenarbeiten aufzubauen.
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