Solingen: Keine Flaute für Produktpiraten
zuletzt aktualisiert: 27.04.2009Solingen (RPO). Interview mit Christine Lacroix über mehr als 21 000 Besucher im Museum Plagiarius, das drastisch zunehmende Problem der Produktpiraten, ihre immensen Gewinne und Solinger Qualitätsprodukte, die von Fälschern besonders häufig missbraucht werden.
Ist das Museum Plagiarius schon von dreisten Produktpiraten gefälscht worden, weil es so erfolgreich ist?
Lacroix (lacht) Nein, das ist noch nicht passiert. Dazu müsste sich jemand auch sehr anstrengen, um eine derart umfängliche Sammlung auf die Beine zu stellen. Wir betreiben dies schon seit über 30 Jahren, um zu zeigen, wie skrupellos nachgeahmt wird.
Wie groß ist das Interesse?
Lacroix Seit der Eröffnung des Museums im Südpark am 1. April 2007 haben wir schon 21 500 Besucher gezählt. Inzwischen gibt es bei uns 300 Exponate – jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. Das sind die Preisträger des "Plagiarius"; der gefürchtete Negativpreis für besonders dreiste Nachahmungen wurde auf der Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" in diesem Jahr bereits zum 33. Mal verliehen. Im ersten Stock des Museums zeigen wir darüber hinaus Fälschungen, die der Zoll beschlagnahmt hat – es sind die klassischen Produkte wie Uhren, Parfüms und Viagra-Tabletten, bei denen der Markenname eine große Rolle spielt. Das ist eine schöne Ergänzung zu unserer Sammlung.
Dann wird die Ausstellung von Jahr zu Jahr also umfänglicher?
Lacroix Ja, Produktpiraten kennen keine Konjunkturflaute. Das Problem nimmt leider deutlich zu. Das liegt an der weiteren Globalisierung und an den zunehmend anonymen Verteilungswegen wie das Internet; und es liegt natürlich auch am technischen Fortschritt, so dass sich Plagiate immer schneller und besser herstellen lassen.
Zöllner vom Düsseldorfer Hauptzollamt haben gestern im Museum über ihren Alltag berichtet. Wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist, nachgemacht?
Lacroix Gefälscht wird fast alles, angefangen von Bekleidung und Sportartikeln, Schmuck, Unterhaltungselektronik und Zigaretten bis hin zu Medikamenten und Nahrungsmitteln.
Was kann Reisenden bei der Einfuhr von gefälschten oder geschmuggelten Waren blühen?
Lacroix Waren im Wert von 400 Euro dürfen aus dem Urlaub mitgebracht werden. Allerdings kann der Zoll auch hier Waren beschlagnahmen, wenn man zum Beispiel eine ganze Reihe T-Shirts in mehreren Größen einführt und es den Anschein eines gewerblichen Handels hat. Die Hersteller können vom Zoll über die gefälschten Waren informiert werden, und die können gegebenenfalls Strafanzeige stellen. Teuer könnte auch das vermeintliche Schnäppchen werden, dass man sich über das Internet zuschicken lässt. Der Zoll prüft einzelne Sendungen und kann diese einbehalten.
Zwei Jahre Museum Plagiarius – ist das Ziel aufgegangen, die Öffentlichkeit über das Problem von Plagiaten und Fälschungen zu sensibilisieren?
Lacroix Ja, auf jeden Fall! Wir bekommen sehr viel positive Rückmeldung. Vielen Besuchern ist die Problematik vorher nicht bewusst gewesen. Sie sind erstaunt über die Dreistigkeit der Nachahmer und die große Bandbreite. Alle Branchen sind davon betroffen – von Haushaltsartikeln, Spielzeug, Möbeln, Sanitärprodukten, Werkzeug bis hin zu technisch hochkomplexen Geräten.
Welche Gewinne winken Produktpiraten?
Lacroix Die Profite sind immens hoch, ähnlich denen im Drogenhandel. Die Strafen hingegen sind aber leider oft zu gering. Nach Schätzungen der Europäischen Union richten Plagiate, Fälschungen und Raubkopien jährlich weltweit einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von mehreren 100 Milliarden Euro an; und allein für Deutschland wird dieser auf zirka 29 Milliarden Euro beziffert. Hinzu kommt, dass Arbeitsplätze und die Kunden selbst durch die minderwertige Qualität gefährdet werden – wie jüngst durch Spielzeug aus China.
Haben es Produktpiraten insbesondere auf Solinger Qualitätsprodukte wie die Schneidwaren abgesehen?
Lacroix Mit Sicherheit! Der weltweit bekannt Schriftzug "Solingen" wird besonders häufig missbraucht.
Günter Tewes führte das Gespräch.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



