Solingen: Kinderherzen im Sturm erobert
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 16.12.2008Solingen (RPO). Mit einer umjubelten Premiere hat das Solinger Stadtensemble gestern mit „Der Sturm“ sein zweites Shakespeare-Stück in kindgerechter Bearbeitung von Uwe Dahlhaus auf die Bühne gebracht.
Handlung
Prospero, ehemals Herzig von Mailand, musste mit Tochter Miranda vor seinem machthungrigen Bruder Antonio auf eine einsame Insel fliehen. Hier leben der wilde Caliban, Sohn einer Hexe, und der Luftgeist Ariel. Mit Hilfe eines Zauberbuches gelingt es Prospero, sich beide zu Dienern zu machen. Als das Schiff von Antonio an der Insel vorbeifährt, lässt der Zauberer Ariel eine Sturm entfachen, das Abenteuer beginnt. . .
Louis ist zum ersten Mal im Theater. Fasziniert starrt der Sechsjährige an die merkwürdig aufgefaltete Saaldecke. Doch nur so lange, bis sich zu den ersten Tönen der Musiker im Orchestergraben der Saal nach und nach verdunkelt. Von da an starrt Louis nur noch auf die Bühne.
Kein Wunder, startet doch die Handlung der neuen Eingeninszenierung, die Michael Tesch mit dem Solinger Stadtensemble im Auftrag des Kulturbüros inszeniert hat, sofort mit viel Action. Denn in William Shakespeares letztem Theaterstück „Der Sturm“ strandet ein Schiff, wimmelt es nur so von Geistern, werden Intrigen gesponnen und Ehen gestiftet. Im Gegensatz zum Original, bei dem ein Rest offen bleibt, wird sich in der Fassung, die das Solinger Stadtensemble achtmal auf die Bühne bringt, alles zum Besten wenden. Und am Ende singen die Akteure in unbändiger Spielfreude ihr Schlusslied auf die Melodie des Adriano Celentano-Klassikers „Azzurro“.
Frauen in der Männerrolle
Bis dahin haben die jungen wie älteren Zuschauer – die von Uwe Dahlhaus geschriebene Fassung ist für Kinder ab fünf Jahren geeignet – zwei turbulente Stunden hinter sich. Wasser spuckend landen die Schiffbrüchigen auf der Insel, die Luftgeist Ariel (federleicht und energiegeladen dargestellt von Renate Kemperdick) für sie ausgesucht hat. Man lernt sie kennen, den trägen König Alonso, den intriganten Antonio und den einfältigen Sebastian. Lauter Männer, denn bis auf eine Ausnahme gibt es keine Frauenrollen. Und trotzdem brillieren vor allen die Frauen auf der Bühne in ihren Männerrollen. Hinreißend Dajana Berkenkopf als Hexensohn Caliban, der sich am Rumfass der Gestrandeten vergreift, Sylvie Wester-Stamm als exaltierter Gonzalo oder Mira Gottfried als Spaßmacher Trinculo, entstellt mit schwarzer Zottelperücke und aufgemaltem Bart.
In der einzigen Frauenrolle gibt Kathrin Kirschner ihr Bühnendebüt als augenrollendes Zuckerpüppchen Miranda, das am Ende natürlich seinen Prinzen bekommt. Und auch ein anderer Debütant umschiffte locker alle Klippen: Kulturbüroleiter Hans Knopper, der als Kapitän die Schiffbrüchigen am Ende von der Insel führt. Thommy Ohliger war für diese Rolle vorgesehen. Er starb, als die Proben des Stadtensembles bereits begonnen hatten. Seine Darstellerkollegen erwiesen ihm die letzte Ehre und gaben dem Schiff, das im „Sturm“ eine so gewichtige Rolle spielt, seinen Namen.
Und Louis? Der Theaterneuling ist auch am Ende noch genauso fasziniert von dem, was sich da auf der Bühne abspielt, wie am Anfang. Doch das Beste war, da ist er sicher, als gleich zu Beginn der gewaltige Blitz ins Schiff einschlug und die Segel zerrissen sind. „Das war geil“, sagt er im Brustton der Überzeugung.
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