Solingen: „Kliniken in Gefahr“
VON SUSANNE GENATH - zuletzt aktualisiert: 10.09.2008Solingen (RPO). Gemeinsam wehrten sich die drei Solinger Krankenhäuser gestern in Ohligs gegen die weitere Deckelung ihrer Budgets. Sollte dies so weitergehen, müssten über kurz oder lang Häuser schließen.
Der Ort war bewusst gewählt: Vor der Arbeitsagentur an der Kamper Straße verteilten die Chefs und rund 50 Angestellte drei Solinger Krankenhäuser Flugblätter mit dem Titel „Lichter aus im Krankenhaus – Spardiktat der Politik bedroht Arbeitsplätze in den Kliniken“. „Wenn die finanzielle Deckelung so weitergeht wie bisher, können wir nicht verhindern, dass unsere Mitarbeiter hier auch vorstellig werden“, sagte Klaus-Peter Fiege – Geschäftsführer des Kplus-Verbundes, zu dem die St. Lukas Klinik gehört – mit Verweis auf das Arbeitsamt. Denn die Zahlungen der Krankenkassen reichten bei Weitem nicht aus, um die ständig steigenden Kosten zu decken.
„Die Fallzahlen steigen, aber die Einnahmen gehen real zurück. Da müssen die Politiker in Berlin umgehend handeln“, forderte Hans-Joachim Fietz-Mahlow, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums. Sonst sei die bisherige hochwertige medizinische Versorgung in Solingen in Gefahr. Schon jetzt seien die drei Krankenhäuser weit über Gebühr ausgelastet. „Im Krankenhaus Bethanien sind regelmäßig 120 statt der eigentlich vereinbarten Bettenzahl von 100 belegt“, berichtete Geschäftsführer Eckhard Rieger. Der medizinische Fortschritt und neue technische Geräte würden erst recht nicht adäquat vergütet.
Lage der Kliniken
Rund 2650 Menschen arbeiten in den drei Solinger Krankenhäusern: 1700 im Städtischen Klinikum, 700 in der St. Lukas Klinik und 250 im Krankenhaus Bethanien. Vor zehn Jahren hätten sie mindestens zehn Prozent mehr Mitarbeiter gehabt, sagen die Geschäftsführer der drei Häuser.
Die Fallzahlen hätten sich im Krankenhaus Bethanien verdoppelt. In den beiden anderen Häusern seien sie etwa um ein Fünftel gestiegen.
Die Gewerkschaft Verdi informierte zeitgleich in der Innenstadt über die Situation.
Das NRW-Gesundheitsministerium erklärte, sich bereits stark für die Krankenhäuser in NRW eingesetzt zu haben.
Für dieses und nächstes Jahr zusammen erhielten die Krankenhäuser rund zwei Prozent mehr Geld. „Aber allein die Tarife für die Angestellten steigen um mindestens acht Prozent“, verdeutlichte Fietz-Mahlow. Noch mehr rationalisieren und Abläufe verbessern könne man nicht. „Wenn es so weitergeht, müssen über kurz oder lang Häuser zugemacht werden, auch in Solingen. Dann hätten die Patienten wesentlich weitere Anfahrtswege zu Fachabteilungen.“
Ute Gladbach arbeitet seit 1978 im Klinikum. Sie half gestern in Ohligs dabei, Flugblätter zu verteilen. „Man muss immer mehr Patienten versorgen. Für ein Gespräch mit ihnen bleibt keine Zeit mehr“, sagt die 49-jährige Mutter von drei Kindern. Sie bedauert die Entwicklung. „Krankenschwester ist eigentlich ein sehr ehrenwerter und schöner Beruf, aber er hat in der Gesellschaft einen schlechten Stellenwert.“ Wenn der Beruf noch unattraktiver werde, gebe es eines Tages keinen Nachwuchs mehr. „Schon jetzt ist es schwierig für die jungen Leute, nach der Ausbildung eine Stelle zu finden.“
Magdalena S. ist Kundin beim Arbeitsamt. Die 63-Jährige lebt mittlerweile von Hartz IV. „Ich habe 30 Jahre als Krankenschwester gearbeitet. Jetzt sind mein Rücken und meine Beine kaputt“, erzählt sie. Die Aktion der drei Solinger Krankenhäuser begrüßt sie sehr. „Ich fühle mich ausgenutzt“, sagt sie. „Dass ich jetzt vom Arbeitslosengeld leben muss, ist der Dank dafür, dass ich mir in dem Beruf die Knochen kaputt gemacht habe.“
Die Gefahr sieht sie auch bei den heutigen Schwestern, selbst wenn diese nun Arbeitserleichterungen zum Beispiel beim Heben der Patienten hätten. „Trotzdem bleibt die Belastung, wenn die Stationen chronisch unterbesetzt sind.“ Daran müsse sich unbedingt etwas ändern.
Denn auch für Magdalena S. ist Krankenschwester nach wie vor der Traumberuf. „Es ist schön, Menschen helfen zu können“, sagt sie. „Aber heute fehlt es vielen an Menschlichkeit, weil sie keine Zeit mehr dafür haben.“
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