Solingen: Knapp an Katastrophe vorbei
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 13.01.2011Solingen (RPO). Beim Abriss des alten Finanzamtes an der Goerdelerstraße fiel gestern die komplette, zwölf Meter lange seitliche Dachkante auf die Fahrbahn. Wie durch ein Wunder wurde kein Fahrzeug getroffen.
Pünktlich um 9 Uhr setzte Waldemar Möller die Schaufel eines 75 Tonnen schweren Baggers an der Dachkante des 23 Meter hohen Finanzamt-Nebengebäudes an, endlich sollte der Abbruch beginnen, der in den vergangenen Tagen von Extremschnee und Eisglätte behindert worden war. Nachdem die ersten Gebäudeteile donnernd zu Boden gekracht waren, traute Möller seinen Augen nicht: Am 26 Meter langen Ausleger seines Baggers hing die komplette seitliche Dachkante, das sogenannte Rähm. Der Baggerführer versuchte noch, das zwölf Meter lange Dachstück zu halten, doch vergeblich, es fiel nach unten und legte sich quer über alle vier Fahrspuren der Goerdelerstraße. Wie durch ein Wunder wurde auf dieser vielbefahrenen Hauptverkehrsachse der Stadt kein Auto getroffen, auch Menschen wurden nicht verletzt.
Abriss ausgesetzt
Frühestens am Freitag werden die Abrissarbeiten am Nebengebäude des Finanzamtes an der Goerdelerstraße weitergeführt. Bis dahin werden Statiker prüfen, ob das 1960 erbaute Gebäude weitere Überraschungen birgt.
Auch die Bauberufsgenossenschaft wird heute weitere Prüfungen auf der Großbaustelle vornehmen. Ob die Abrissarbeiten dann am Freitag oder erst in der kommenden Woche fortgesetzt werden, steht im Moment noch nicht fest.
"Pfusch am Bau"
"Normalerweise ist das Rähm in sich und auch mit dem Dach durch Stahlträger fest verankert, dass sich eine Seite komplett löst, damit konnte niemand rechnen", sagt Martin Krause, Projektleiter beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW, der für den Abriss von Finanzamt und Polizeigebäude zuständig ist. Wenn die Verankerungen fehlen, könne man beim 1960 erbauten Finanzamt durchaus von "Pfusch am Bau" sprechen, sagt der Architekt und Sachkundige für Gebäudeschadstoffe.
Außendienstmitarbeiter der Firma, die den Bagger am Tag zuvor geliefert hatte, sparen derweil nicht mit Kritik an der Stadt. Die Firma hätte es lieber gesehen, wenn beider Fahrspuren vor dem Gebäude für die Dauer der Abbrucharbeiten komplett gesperrt worden wären. Dann hätte man den Abrissbagger auf die Straße stellen können und die Arbeiten in der Hälfte der Zeit geschafft, sagen die Männer. Dass sich das Rähm komplett löst, hätte diese Methode allerdings auch nicht verhindert.
Bei der Stadt bezieht man ganz klar Stellung zu einer möglichen einseitigen Vollsperrung. "Würden wir beide Fahrspuren in Richtung Clemens-Galerien sperren, hätten wir Rückstaus bis nach Müngsten", sagt Stadtsprecherin Birgit Wenning-Paulsen. Man könne nicht die wirtschaftlichen Interessen Einzelner über das Allgemeinwohl stellen. Für den Bau- und Liegenschaftsbetrieb wäre ein Abbruch in halber Zeit natürlich kostengünstiger gewesen.
Nach dem Unglück prüften gestern Statiker, ob es weitere Unwägbarkeiten und Überraschungen am Gebäude gibt. "Sicherheit steht an erster Stelle", sagt BLB-Pressesprecher Dietmar Zeleny. Den Vorfall könne man als Glück im Unglück bezeichnen, da man jetzt noch sensibilisierter sei. Baggerfahrer Waldemar Möller saß der Schreck eine Weile in den Knochen. "So etwas habe ich noch nie erlebt, und ich bin seit 1987 im Abbruchgeschäft tätig", sagt er und zündet sich eine Zigarette an, während ihn Polier Ralf Schmettenkamp mal ganz kurz in den Arm nimmt.
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