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Solingen: Lange Haft für Drogen-Oma?

VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 17.02.2010 - 10:11

Solingen (RPO). Seit Dienstag muss sich eine 85-Jährige wegen Heroinhandel vor Gericht verantworten. Der erste Prozesstag platzte, weil ein Angeklagter der Fünferbande nicht erschien. Der Seniorin drohen 15 Jahre Gefängnis.

Die alte Frau im beigen Mantel betrat den Saal, als über ihr ein Blitzlichtgewitter niederging. Das Wuppertaler Landgericht, gestern, kurz nach neun Uhr: Die Kapuze über den Kopf gezogen sowie eingehakt bei ihrer Rechtsanwältin, begab sich die 85-jährige Solingerin auf einen Spießrutenlauf durch die wartenden Journalisten, der die Rentnerin am Ende ins Gefängnis führen könnte. Denn nachdem die Frau 2009 als Mitglied einer Drogenschmuggler-Bande aufflog, muss sie sich nun vor der 1. Großen Strafkammer verantworten.

Zwar konnte gestern noch nicht einmal die Anklage gegen die fünf mutmaßlichen Täter verlesen werden, da es einer der Beschuldigten, ein 29-Jähriger, vorzog, zunächst nicht zu erscheinen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, was dazu führen könnte, dass die Rentnerin, im Falle eines Schuldspruchs, eventuell den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen muss. Die Vorwürfe, die in der Anklageschrift formuliert sind, lesen sich nämlich beeindruckend.

Seit 2008 soll die Seniorin mit ihrem Sohn (50), dem Enkel (28), dessen Freundin (28) sowie eben dem Komplizen, der gestern nicht erschien, einen schwunghaften Heroinhandel von den Niederlanden nach Deutschland aufgezogen haben. Insgesamt 34 Mal, so die Staatsanwaltschaft, hat die Bande Touren gen Holland unternommen, um Rauschgift zu erwerben und später in Solingen zu verkaufen.

Die Masche: Vor allem die 85-Jährige und der an den Rollstuhl gefesselte 29-Jährige übernahmen die Kurierdienste, da man davon ausging, solche Personen würden seltener ins Visier mobiler Drogenfahnder geraten. Als Polizisten nach einem Tipp aus der Szene und aufwändigen Observationen schließlich Anfang August 2009 die Wohnung der Rentnerin stürmten, fand sich dort Heroin im Wert von nicht weniger als 70000 Euro.

Also nichts weiter als Fall eiskalter Kriminalität? Nun, bei der unter dem Namen „Drogen-Oma“ zu trauriger Berühmtheit gelangten Solingerin liegen die Dinge vielleicht doch etwas komplexer. Jahrelang hatte die bis dato unbescholtene Frau hilflos mitansehen müssen, wie der eigene Sohn und der Enkel immer tiefer im Drogensumpf versanken. Beide sind schwer heroinabhängig. „Sie befand sich in einer Zwangslage“, schilderte ihre Anwältin Isabell Schemmel unserer Zeitung die Nöte der alten Dame, die offenbar den zwei Männern helfen wollte, die Sucht zu finanzieren.

Und die doch, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, genau das Falsche tat. Sohn und Enkel sitzen in Untersuchungshaft. Sie haben Kontaktverbot zur Großmutter beziehungsweise zur Freundin, die gestern nur einige wenige Worte mit ihrem Geliebten wechseln konnte. Die Rentnerin selbst trifft wiederum in ihrem Umfeld, in dem sie jahrzehntelang lebte, nur noch auf Verachtung. „Nachbarn schneiden sie, man macht ihr Vorwürfe oder wechselt die Straßenseite, wenn man sie sieht“, berichtete Anwältin Schemmel vom Alltag ihrer Mandantin, in dem heute nichts mehr so ist wie früher.

Allerdings, all das ist noch nichts gegen die trüben Zukunftsaussichten der Frau. Ihr droht ein Urteil von bis zu 15 Jahren, wenn der auf insgesamt zehn Tage terminierte Prozess nächste Woche richtig beginnt. Der Angeklagte, der wegen angeblicher psychischer Probleme einfach nicht kam, wird zur Fortsetzung am 23. Februar vorgeführt. Das Gericht wertete das unentschuldigte Fehlen nach der Aussage eines Sachverständigen als „große Unverschämtheit“.

Quelle: RP

 
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