Solingen: Liebe, Lügen, Untergang
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 16.11.2006Solingen (RPO). Stehende Ovationen für das Ensemble Profan nach der Premiere von Endstation Sehnsucht auf der Studiobühne im Theater. Das Stück des Pulitzer-Preisträgers Tennesseee Williams wurde 1947 in New York uraufgeführt.
Das strahlende Licht, das auf die Welt gefallen war, als Blanche du Bois die Liebe entdeckte, ist längst verloschen. Es verlosch, als sie ihre große Liebe inflagranti erwischte – mit einem Mann. Der Gatte erschoss sich und seither ist für die Lehrerin kein Licht mehr heller als der Schein einer Kerze. Flüchtige Beziehungen die darin gipfeln, das sie einen Schüler verführt und ihre Stelle verliert. In dieser verzweifelten Lage bliebt nur die Flucht zu ihrer Schwester Stella und deren aus ihrer Sicht primitiven Ehemann Stanley. Sehnsucht heißt eine Haltestelle der Straßenbahn, die Blanche dorthin führt.
Tennessee Williams
Geboren 1911 in Columbus, Mississippi, gehört Tennessee Williams zu den bedeutendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Weitere Stücke: Die Glasmenagerie, Die Katze auf dem heißen Blechdach, Die tätowierte Rose. Er starb 1983 in einem Hotel in New York.
Endstation Sehnsucht – Tennessee Williams bekam für das Schauspiel den Pulitzer Preis – wurde 1947 in New York uraufgeführt und später mit Vivian Leigh und Marlon Brando in den Hauptrollen verfilmt. Fast 60 Jahre später auf der Studiobühne des Theaters lieferte Michael Teschs Inszenierung mit dem Ensemble Profan den Beweis, dass dieses Stück kaum in die Jetzt-Zeit transformiert werden muss. Es hat viel zu sagen über die Liebe, das Leben, die Lebenslügen.
Endstation Sehnsucht ist ein Stück für zwei große Frauenrollen, die gegensätzlicher kaum sein können und der die beiden Hauptdarstellerinnen, vor allem Dajana Berkenkopf, eigenen Charakter verliehen. Facettenreich lässt sie in der Rolle der Blanche die Zuschauer bei der ausverkauften Premiere miterleben, wie die schöne, intelligente und erfolgsverwöhnte Tochter aus gutem Hause erst ihren Besitz, dann ihre gesellschaftliche Stellung und schließlich beinahe die Selbstachtung verliert. Mal überkandidelt schnippisch, dann in alkoholumnebelter Depression und am Ende so fern der Realität, dass die Schwester sie in eine Irrenanstalt einweisen lässt – und dabei bis zuletzt von zerbrechlicher Schönheit.
Zwischen Hoffnung und Resignation: Mira Gottfried in der Rolle von Blanches Schwester Stella, die derlei Gefühlszustände nicht zulassen kann. Ihrem Ehemann, der außer Sex, Alkohol und der Versorgung mit regelmäßigen Mahlzeiten nichts vom Zusammenleben zu erwarten scheint, verzeiht sie brutale Schläge, sofern die Versöhnung im Bett stattfindet.
Uwe Dahlhaus spielt den Stanley Kowalski muskelprotzig, prollig, kaugummikauend, zwischen verächtlich und fordernd. Frauen fühlen sich von ihm abgestoßen und angezogen zugleich – eben „nicht der Typ für Jasminduft“, wie Blanche einmal über ihren Schwager sagt. Zu den leisen wie lauten Dramen, die sich in der fast dreistündigen Aufführung auf der interessant gestalteten Studiobühne abspielen, gibt es Lifemusik von den Purple Sex Heads, die wie in einem Kellerloch unter der schäbigen Wohnung der Protagonisten hockend, guten Anteil daran haben, dass es für diese Inszenierung am Ende stehende Ovationen gibt. Und die spendet das Publikum auch für die weiteren Darsteller Karl-Joef Überall, Renate Kemperdick, Markus Henning und Daniel Baranski.
Weitere Aufführungen am 25. und 26. Januar, jeweils um 19.30 Uhr auf der Studiobühne im Theater.
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