Solingen: Mann soll Stieftochter missbraucht haben
VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 03.12.2009 - 09:57Solingen (RPO). Die Vorwürfe sind monströs. Über Jahre soll der Mann, der seit Mittwoch auf der Anklagebank des Wuppertaler Landgerichts sitzt, seine Stieftochter missbraucht haben. Und so musste es nicht wundern, dass sich die Richter vor der Vernehmung des angeblichen Opfers viel Zeit nahmen.
Gleich eine Reihe von Anträgen hatte die Rechtsanwältin der heute 26-Jährigen eingebracht. Darunter auch jener, der Angeklagte solle während der Aussage der jungen Frau ausgeschlossen werden, da sie die Gegenwart des Stiefvaters nicht ertrage. Bei dem erstinstanzlichen Verfahren im Sommer 2007 vor dem Solinger Amtsgericht, das mit einer Verurteilung zu drei Jahren endete, war die Tochter nämlich bereits einmal zusammengebrochen.
Um es kurz zu machen: Die 3. Strafkammer gab schließlich dem Begehren nach. Aber gestern kam es nicht mehr zur Vernehmung der Frau, die nach jahrelanger Odyssee durch psychiatrische Einrichtungen inzwischen in Wuppertal lebt, jeden Kontakt zur Familie ablehnt und nach eigener Darstellung von ihrem heutigen Lebensgefährten ein Kind erwartet. Die Zeit war einfach schon zu weit fortgeschritten. Und so haben die beiden Verteidiger des Stiefvaters, darunter Anwalt Jochen Ohliger, etwas länger die Gelegenheit, sich eine Strategie zurechtzulegen. Denn die Dinge stehen im Augenblick nicht gut für ihren Mandanten, einen Solinger Frührentner.
Zwei aussagepsychologische Gutachten wurden zu dem Fall erstellt - und beide kommen nach Informationen unserer Zeitung zu dem Schluss, dass die Behauptungen der Stieftochter glaubwürdig sind. Im Alter von nur sechs Jahren soll demnach ihr Martyrium Anfang der 90er begonnen und sich dann bis in die Pubertät gezogen haben. Der Stiefvater bestreitet die Vorwürfe aber bis heute vehement. Und so hängt viel davon ab, ob es den Verteidigern gelingt, die Richter davon zu überzeugen, dass auch andere Motive den Vorwürfen zugrunde liegen könnten.
Theoretisch denkbar wäre dies immerhin, da sich die Situation in der Familie stets schwieriger gestaltete, je älter die Tochter wurde. „Sie veränderte sich, als sie in die Pubertät kam“, erklärte der 49-jährige Angeklagte gestern. Partys, ständig wechselnde Freunde, eine abgebrochene Lehre: Der Stiefvater und die leibliche Mutter, die bis heute zu ihrem Mann steht und der Tochter nicht glaubt, hatten danach viel Ärger mit dem Teenager.
Aber warum entwickelte sich das Mädchen so? Einfach nur Bockigkeit, die am Ende in ungeheuerlichen Vorwürfen gegen den Angeklagten gipfelten, oder doch Ausdruck einer traumatischen Erfahrung durch den Missbrauch? Tatsächlich bekam die junge Frau ihr Leben bis heute nur mühsam in den Griff. Ein Selbstmordversuch noch in der Jugend sowie zwei abgebrochene Schwangerschaften, stationäre Klinikaufenthalte - auch nachdem sie 2003 ihrem damaligen Freund von den vermeintlichen Übergriffen berichtet hatte und mit der Familie brach, blieb sie labil. Gleichwohl, so war gestern schon zu erfahren, wird sie von einem Psychiater als zurechnungsfähig eingeschätzt. Die Frau, die sich von der Familie verfolgt fühlt, soll nächste Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen.
Fortsetzung: 9. Dezember, 9.15 Uhr.
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