Solingen: Mit Kopfschuss getötet
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 05.10.2007Solingen (RPO). Die Anklage gegen Yakup S. lautet auf Mord. Die Verteidigung spricht von Totschlag im Affekt. Der Angeklagte selbst will unter Schock gestanden haben. Seit gestern wird vor dem Landgericht Wuppertal verhandelt.
Mordanklage
Die Anklage gegen Yakup S. geht vom Mordmerkmal der Heimtücke aus. Sein Opfer sei zum Zeitpunkt des Angriffs arg- und wehrlos gewesen. Der Vorsitzende Richter gab zu Beginn der Verhandlung aber den Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen Totschlags in Frage kommt. Während auf Mord lebenslange Freiheitsstrafe steht, wird Totschlag mit Haftstrafen nicht unter fünf Jahren geahndet, in besonders schweren Fällen kann auch hier lebenslange Freiheitsstrafe ausgesprochen werden.
Er sieht sich als Opfer, Yakup S., der am 21. März auf der Hacketäuerstraße eine 41-jährige Frau durch das Autofenster erschossen hat – seine Frau, wie er gestern vor Gericht immer wieder betont. Doch Yakup S. ist mit einer anderem Frau verheiratet, mit der er zusammenlebt und zwei Kinder hat. Auch mit seinem späteren Opfer hat er zwei Kinder. Seine Zweitfrau kümmert sich um die Finanzen seines später pleite gegangenen Betrieb, man verbringt gemeinsame Urlaube in der Türkei, Yakup S. mit seinen beiden Frauen und vier Kindern.
Das geht über Jahre gut, bis sich das spätere Mordopfer offenbar mehr und mehr von Yakup S. löst. Sie schickt ihn in die Türkei, wo er sich um den Aufbau einer Firma kümmert, will Abstand bekommen, macht dem Vater ihrer Kinder Vorwürfe, dass Geld von den Firmenkonten verschwunden ist, viel Geld, das aus dem Verkauf von Maschinen stammen soll, nachdem die Firma aufgelöst worden war.
Augenzeugin sagte aus
Yakup S. will keine Ahnung haben, wo das Geld – insgesamt mehr als 150 000 Euro – geblieben ist. Am Tattag, so sagte er gestern aus, habe er seine Frau darauf ansprechen wollen. Dazu fuhr er von der ehelichen Wohnung am Weyersberg zum Reihenhaus in der Südstadt, dass seine Zweitfrau mit den beiden Kindern (12 und drei Jahre alt) bewohnte. Die Frau hatte gerade den Dreijährigen in die Kindertagesstätte gebracht, als sie auf S. traf. Was dann passierte, schildert eine unmittelbare Aufenzeugin vor Gericht.
Die 26-Jährige war gerade auf dem Weg zur Arbeit, als ihr an jenem Morgen auf der Hacketäuerstraße ein Mann auffiel, der neben einem Auto auf der Fahrbahn stand. Das Auto sei langsam aus der Parklücke gefahren, der Mann folgte ihm „zwei bis drei Schritte“, schilderte sie. Das nächste, was die Zeugin wahrnahm, war berstendes Glas, durchdrehende Reifen und ein auf die andere Straße rasendes Fahrzeug. Die Frau im Fahrzeug war getroffen von einer Kugel aus einer halbautomatischen Waffe, Kaliber 7,65. Eineinhalb Stunden nach dem Schuss in den Kopf starb sie um 9.34 Uhr im Städtischen Klinikum, wo sich die Ärzte vergeblich bemüht hatten, ihr Leben zu retten.
Der Neffe des Opfers, der zur Tatzeit bei seiner Tante gewohnt hatte, sprach gestern von Streitigkeiten zwischen Yakup S. und seiner Frau. Als sie gesagt habe, sie wolle Schluss machen, habe S. gedroht: „Dann wirst du sehen, was ich dann mit dir mache.“
„Schuss hat sich gelöst“
Von Streit ist bei dem Angeklagten keine Rede, alles sei gut gelaufen zwischen ihm und seinem späteren Opfer. Bis auf die Tatsache, dass kein Geld mehr auf seinen Konten gewesen sei. Der Schuss aus der Waffe, mit der er vor dem Auto seiner Partnerin gestanden hatte, habe sich irrtümlich gelöst, nachdem die Frau den Wagen gestartet und mit Vollgas in seine Richtung losgefahren sei. Die Waffe ist inzwischen untersucht worden und nach Aussagen des Vorsitzenden Richters Stefan Istel voll funktionsfähig. Das bedeutet, dass sich Schüsse nicht versehentlich ohne Zutun lösen konnte.
Der Prozess wird heute um 9.15 Uhr in Wuppertal fortgesetzt.
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