Solingen: Nachbarn am Pranger
VON ANNEMARIE KISTER-PREUSS - zuletzt aktualisiert: 30.08.2008Solingen (RPO). In Solingen sind die Stadtteile übersät mit Eintragungen, in denen Menschen ihre Nachbarn auf der Internetseite „rottenneighbor.com“ zum Teil auf das Übelste beschimpfen. Rechtlich ist dagegen kaum etwas zu machen.
Besonders viele rote Häuschen sind in Höhscheid zu finden. Rot bedeutet: hier wohnen unangenehme Menschen, während die Farbe grün auf nette Nachbarn hinweisen soll. Die amerikanische Internetplattform „rottenneighbor.com“ hat sich auch für Solinger zu einem Platz entwickelt, wo sie Dampf ablassen und ungeliebte Nachbarn zum Teil bei voller Namensnennung in Misskredit bringen. Weil die meisten Eintragungen anonym sind und der Betreiber in den Vereinigten Staaten sitzt, ist rechtlich kaum etwas zu machen.
„Die Polizei hat dagegen keine Handhabe“, sagt Alexander Kresta im Gespräch mit unserer Zeitung. Dennoch stehe der Weg zur Polizei immer offen. „Wer sich bedroht fühlt kann Anzeige erstatten“, sagt der Polizei-Pressesprecher. „Wir nehmen die Sorgen und Ängste der Bürger ernst und leiten Anzeigen auch weiter an die Staatsanwaltschaft, die im Einzelfall prüft. Einem „rotten neighbor“ (englisch für: mieser Nachbar) in Solingen wird zum Beispiel angedroht, er werde am besten von „Skinheads oder Hell’s Angels nochmal zusammengeschlagen“. Zuvor wurde der Mann, dessen Adresse man auf dem Stadtplan von Google-Maps eindeutig identifizieren kann und der bei vollem Namen genannt wird, als dumm, fett, hässlich und als Hundequäler bezeichnet.
Rechtslage
Weil die Seite in den USA ihrer Ursprung hat, gelten andere Gesetze. Es ist nahezu unmöglich, rechtlich gegen einen verleumderischen Eintrag vorzugehen. Dennoch nimmt die Polizei jede Anzeige ernst und geht den Hinweisen nach, vor allem, wenn Menschen in den Einträgen bedroht werden. Geplant war die Seite, damit Menschen, die einen Umzug planen, ihre neue Nachbarschaft kennen lernen können. Weiter Informationen über Rottenneighbor auch unter:
Da muten die Eintragungen unter dem Stichwort „Horrorsiedlung“ noch gradezu harmlos an. Hier geht es mehr oder weniger um die üblichen Nachbarschaftsstreitereien und einer Siedlung des Spar- und Bauvereins an der Gabelsberger Straße. Aufgeregt wird sich über Neuzugänge ausländischer Herkunft, über Lärm und darüber, dass der Bauverein angeblich auf all das nicht reagiert.
Übler wird da schon einer Frau mitgespielt, der neben „regem Männerverkehr“ auch mangelnde Hygiene und stinkender Müll im Hausflur vorgeworfen wird. Überschrift hier: Familie Flodder. Kaum zur Wehr setzen kann sich auch eine Kindergärtnerin, die im Netz als Nutte bezeichnet wird oder der Mann, dem „Alkoholexzesse und Partys mit nackten Rockern“ unterstellt werden. Am Ende spekuliert der anonyme Schreiber gar von einer „weiteren Inzesttragödie“.
„Natürlich hat man Unterlassungsansprüche, wenn solche unwahren Behauptungen im Internet kursieren, doch das Problem ist es in diesem Fall, sie auch durchzusetzen“, sagt Dr. Svenja Kahlke aus der Rechtsanwaltskanzlei Krall, Kalkum und Partner. Die Firma, die die Seite betreibt, sitzt im amerikanischen Santa Barbara. „Ich kann gerne einen bösen Brief schreiben“, sagt die Juristin, doch eigentlich sei das ziemlich aussichtslos.
Während die meisten Eintragungen Nachbarn gnadenlos an den Pranger stellen, gibt auch auch einige wenige positive Beurteilungen, die mit grünen Häuschen auf dem Stadtplan gekennzeichnet sind. Wie zum Beispiel die für den Leiter einer Gärtnerei in Ohligs. Den wird freuen, dass er als „echter Menschenfreund, der immer gut zu seinem Mitarbeitern ist“, bezeichnet wird.
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