Solingen: Opfer ins Leben zurückholen
VON MICHAEL TESCH - zuletzt aktualisiert: 28.03.2008Solingen (RPO). Das Museum Baden präsentiert sich ab Sonntag für zwei Monate und mit mehreren Ausstellungen als „Zentrum der verfolgten Künste“. Im Mittelpunkt steht die Literatur-Sammlung Jürgen Serke.
Eröffnung
Den Festvortrag im Rahmen der Ausstellungseröffnung im Museum Baden wird am Sonntag Prof. Dr. Hans-Dieter Zimmermann vom Institut für Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der TU Berlin halten. Im Anschluss werden die Sammler Jürgen Serke und Dr. Gerhard Schneider die Besucher durch die Ausstellung führen.
Am Sonntag wird unter dem Dach des Gräfrather Museum Baden das „Zentrum der verfolgten Künste“ eröffnet. 75 Jahre nach den ersten Bücherverbrennungen im heutigen Nordrhein-Westfalen am 1. April in Wuppertal werden in Solingen die Opfer unter den Intellektuellen in den Mittelpunkt einer neuen Erinnerungskultur gestellt. „Alle verfolgten Intellektuellen sollen in diesem Zentrum thematisiert werden“, erklärte Hajo Jahn, Vorsitzender der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und -Stiftung, auf der gestrigen Pressekonferenz zur Ausstellung „Himmel und Hölle zwischen 1933 bis 1945. Die verbrannten Dichter“. Anlass der gleich mehrere Ausstellungen zum Thema umfassenden Gesamtpräsentation ist die Übergabe der Sammlung Jürgen Serke durch die Else-Lasker-Schüler-Stiftung als Dauerleihgabe an das Museum Baden.
Ständige Sammlung
Mit seinem Buch „Die verbrannten Dichter“ leitete der Journalist Jürgen Serke 1977 die Wiederentdeckung der von den Nazis verfolgten Dichter ein. Der Buchtitel wurde darüber hinaus zum Gattungsbegriff für eine ganze Literatur. Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft hat die Sammlung Serke mit Erstausgaben, Handschriften, Originalmanuskripten, Fotografien und Nachlässen erworben und sie für eine ständige Ausstellung in Solingen zur Verfügung gestellt. Zusammen mit der Bürgerstiftung der Verfemten Künste – der Sammlung Dr. Gerhard Schneider – bildet sie nun das Kernstück des neuen „Zentrums der verfolgten Künste“.
Tolles Ausstellungskonzept
Dank des von der Berliner Agentur Damm und Lindlar und Kurator Jürgen Kaumkötter entwickelten hervorragenden Ausstellungs- und Vitrinenkonzeptes ist die Präsentation der Sammlung Serke in der unteren Etage des Altbaus des Gräfrather Museums weit mehr als eine Präsentation von Büchern und Dokumenten. „In der Ausstellung wird man in einen Kosmos des Literarischen hineingezogen“, erklärt Dr. Rolf Jessewitsch, Direktor des Museum Baden. Für Jochen Boberg von der Agentur Damm und Lindlar ist es „eine Ausstellung von gelebtem Leben“, mit der „ein Stück unserer Geschichte und die Opfer ins Leben zurückgeholt“ würden.
Jessewitsch brauchte sich über die Finanzierung der Ausstellung „Himmel und Hölle“ nicht zu sorgen. Rund 350 000 Euro hat die Präsentation in seinem Haus zwar gekostet, aber nur 30 000 Euro davon musste der Museumsleiter selber aufbringen. „Dieses Geld haben wir von einem Sponsor erhalten. Der Etat des Museums wird also mit keinem Euro belastet.“ Abzüglich der finanziellen Förderungen für Teilbereiche der Präsentationen durch den Landschaftsverband, der Kulturstiftung Nordrhein-Westfalen und weiteren Sponsoren wurde die Ausstellung und auch der Ankauf der Sammlung Serke von der Else-Lasker-Schüler-Stiftung finanziert.
Die im Altbau und Meistermann-Saal präsentierten Sammlungen Serke und Schneider werden in den Sälen für Wechselausstellungen bis 25. Mai durch drei temporäre Ausstellungen begleitet. Unter dem Titel „Die sich die Freiheit nahmen“ sind Fotografien von Stefan Moses, Robert Lebeck, Wilfried Bauer und Christian G. Irrgang zu sehen, die Jürgen Serke bei den Besuchen der verfolgten Dichter begleiteten. Im unteren Saal werden Bilder des Dichters und Malers Peter Kien gezeigt, der 1944 mit 25 Jahren in Auschwitz starb. Die dritte temporäre Ausstellung mit Werken von Sigalit Landau, Sarah Schönfeld und Jonathan Meese zeigt den Blick der jungen Generation auf das vergangene Jahrhundert.
Ausstellung „Zwischen Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“, Eröffnung am Sonntag, 11.30 Uhr, im Museum Baden.
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