Solingen: "Opfer nicht allein lassen, sondern ihnen helfen"
VON MATTHIAS KNISPEL - zuletzt aktualisiert: 26.03.2009Solingen (RPO). "Als ich 15 Jahre alt war, ist meine beste Freundin ermordet worden, den Täter hat man nie gefasst", erzählt Hildegard Hergeth-Steinbach. Dieses schockierende Erlebnis und der lange Zeit unverarbeitete Schmerz habe sie nachhaltig geprägt und dazu veranlasst, sich heute ehrenamtlich für die Opfer von Verbrechen zu engagieren. Seit fünf Jahren ist die 54-jährige Walderin Leiterin der Solinger Außenstelle der Hilfsorganisation Weißer Ring. Dieser wurde 1976 von "Aktenzeichen XY ungelöst"-Fernsehfahnder Eduard Zimmermann und Oberstaatsanwalt Hans Sachs in Mainz gegründet.
Ob mit modernster Kriminaltechnik von heute – beispielsweise der DNA-Analyse – der Mörder von damals hätte identifiziert werden können, diese quälende Frage hat Hergeth-Steinbach noch viele Jahre nach der Tat beschäftigt. Auch als Tochter eines Kriminalkommissars – Helmut Hergeth war ihr Vorgänger im Amt des Außenstellenleiters – sei sie bereits früh mit Straftaten jeder Couleur und deren gravierenden Folgen für Opfer und Angehörige konfrontiert worden.
Neue Bleibe für Missbrauchte
Heute unterstützt sie mit insgesamt zwölf Mitarbeitern Kriminalitätsopfer in unterschiedlichster Form, so auch jüngst eine 90-jährige Seniorin, der aus der Wohnung eine stattliche Geldsumme samt Portemonnaie entwendet worden ist. "Wir haben mir ihr geredet und konnten ihr auch einen Teil des finanziellen Schadens ersetzen." Auch praktische Hilfe in Form von Behördengängen zum Ersatz der verlorenen Ausweise böten die Mitarbeiter des Weißen Rings an, "je nachdem, was der Betroffene in seiner Situation gerade am dringendsten braucht". Besonders nahe gehen der Mutter eines 16-jährigen Sohnes Fälle von sexuellem Missbrauch, die meist eine professionelle Betreuung der Opfer erforderten und sich oft über Jahre hinzögen. So habe sie einmal einer Geschädigten in ihrer akuten Krisenlage "ein Ticket gekauft und sie in Urlaub geschickt". Und ihr eine neue Bleibe gesucht sowie den Umzug organisiert, damit sie die alte Wohnung – den Tatort – nicht nochmals betreten musste.
"Warum tue ich mir das eigentlich an?" Diese Frage hat sich die passionierte Yoga-Lehrerin in der Tat bereits gestellt, bedeutet der direkte Kontakt mit teilweise traumatisierten Opfern doch immense psychische Belastungen. Schaue ihr nach erfolgreich geleisteter Hilfe "eine bestohlene Oma aber dankbar in die Augen", schöpfe sie daraus schnell neue Kraft, um diese Arbeit fortzusetzen.
Auch die Gespräche mit Ehemann und Kollegen helfen dabei, das Erlebte besser und schneller zu verarbeiten. Schließlich wünscht sich Hildegard Hergeth-Steinbach für die Zukunft, dass eines Tages jeder den Weißen Ring kennen möge. Den Gründern um Zimmermann und Sachs sei es nämlich auch zu verdanken, dass Opfer heute als Nebenkläger vor Gericht auftreten können.
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