Solingen: Passagiere und Politik im Blick
VON MARTIN OBERPRILLER - zuletzt aktualisiert: 19.11.2008Solingen (RPO). Verdi startet eine Kampagne, um bei Fahrgästen für mehr Verständnis für Busfahrer zu werben. Aber auch die Parteien sind gemeint. Eine neue Kürzung des städtischen ÖPNV-Zuschusses hält die Gewerkschaft für unmöglich.
Arbeit am Wochenende hat auch Vorteile. Klar, Dienst schieben, wenn andere frei haben, kann ätzend sein. Wer wüsste das besser als Holger Schön!? Der Mann ist verheiratet, hat drei Kinder – und bisweilen ein schlechtes Gewissen, weil oft zu wenig Zeit bleibt für die Familie. Aber wenigstens sind die Fahrgäste an Sams- und Sonntagen okay. „Auf jeden Fall besser gelaunt als unter Woche“, weiß Schön, der seit 15 Jahren als Busfahrer arbeitet und an diesem kalten Morgen auf dem Betriebshof der Stadtwerke (SWS) von einem Bein aufs andere tritt. Ein paar Meter weiter lehnt Thorsten Neufeld von der Gewerkschaft Verdi an einem Kleinbus und dreht sich eine Zigarette. Es ist elf Uhr, gleich wird es bei den Fahrern der SWS die morgentliche Wachablösung geben. Die Frühschicht kommt zurück, andere rücken raus auf die Straßen. Und was sie dort erwartet, kann man nie sagen. Drängende Jugendliche, Leute ohne Ticket, betrunkene Passagiere . . .
Angriffe auf Fahrer
Nach Verdi-Angaben arbeiten bei den Verkehrsbetrieben 182 Busfahrer, für die seit Anfang 2004 der Tarifvertrag Nahverkehr gilt. Rund 2000 Euro brutto verdient ein Einsteiger monatlich. Zu wenig, finden die Fahrer, die glauben, immer mehr Übergriffen ausgesetzt zu sein. Ein Kollege, der angegriffen wurde, sei seit langem krankgeschrieben, wird berichtet.
Mehr wert oder weniger?
Passagiere? Dann wären die Fahrer der Verkehrsbetriebe sowie ihre Kollegen von Privatunternehmen ja Chauffeure! „In Holland vielleicht“, sagt Thorsten Neufeld, der inzwischen einen Stapel Flugblätter aus dem Kleinbus gefischt hat. „Wir sind Mehr wert“ – in den kommenden Wochen will Verdi mit einer Kampagne um Verständnis für die Busfahrer werben. Und gleichzeitig der Politik die gelbe Karte zeigen. Denn angesichts neuer Sparvorschläge glaubt die Gewerkschaft, dass den Solinger Verantwortlichen der ÖPNV immer weniger wert ist.
Die Busfahrer – eingeklemmt zwischen Politik und Passagieren? Nun ja, heute gilt es zunächst mal, die Kollegen zu informieren. Kollegen wie Holger Schön, die manchmal schon neidvoll nach Holland blicken. Dort heißen die Fahrer wirklich Chauffeure, gelten als Dienstleister, die viel Verantwortung für die Sicherheit tragen – und dementsprechend mehr verdienen. Mehr als die Fahrer in NRW. Die werden hierzulande im Bürokratendeutsch „Berufskraftfahrer mit Personenbeförderungs-Berechtigung“ genannt und kommen in der höchsten Entgeltstufe nach 17 Jahren auf 2409,61 Euro im Monat – brutto, versteht sich.
Wenig, wenn man Familie hat wie Holger Schön, dessen Frau mitarbeitet, damit man zurechtkommt. Und dessen Beziehung schon auf der Kippe stand: „Die unterschiedlichen Arbeitszeiten!“ Verdi-Sekretär Neufeld kennt die Sorgen der Leute. Und glaubt nicht, dass man noch etwas sparen kann. „Sonst wird es schwer, überhaupt Leute zu finden“, erklärt Neufeld, der auch angesichts der Pläne bei der CDU, noch mal den städtischen Zuschuss um 700 000 Euro zu kürzen (wir berichteten), die Kampagne mit Entschiedenheit vorantreiben will.
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