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Solingen: Plädoyer für Gemeinschaftsschule

zuletzt aktualisiert: 05.10.2009

Solingen (RPO). Interview mit dem scheidenden Schulausschuss-Vorsitzenden Dr. Hans-Joachim Müller-Stöver (67) über Höhen und Tiefen seiner Amtsperiode, über hunderte abgelehnter Kinder an den Gesamtschulen und das Verlierer-Image der Hauptschulen.

Im neuen Schulausschuss werden Sie nicht mehr dabei sein. Warum?

Müller-Stöver Schulpolitik ist wie Stadtentwicklung. Dazu braucht es langfristige Perspektiven. Da die kommende meine letzte Stadtrats-Periode sein wird, haben wir in der SPD-Fraktion überlegt, die Position langfristig anzulegen. Als Landtagsabgeordnete ist Iris Preuß-Buchholz dazu geeignet. Gerade diese Verbindung zwischen kommunaler und Landesschulpolitik ist für die Arbeit sehr wichtig.

Ziehen Sie einmal Bilanz Ihrer fünf Jahre als Schulausschuss-Vorsitzender: Fällt die positiv oder negativ aus?

Müller-Stöver Die Arbeit ist von Höhen und Tiefen geprägt. Der Ganztagsausbau der Geschwister-Scholl-Schule gehört sicherlich zu den Höhen, auch die Weiterentwicklung des offenen Ganztags an den Grundschulen und des Ganztags an Gymnasien und Realschulen, der jetzt konkrete Formen annimmt. Ein großes Anliegen von mir ist der integrative Unterricht mit behinderten und nicht behinderten Kindern an den weiterführenden Schulen. Das hat bei Realschulen und Gymnasien bislang keinen Anklang gefunden. Ich hätte mir hier mehr gewünscht.

Jahr für Jahr werden gut 300 Kinder an den Gesamtschulen abgelehnt. Ein Anmeldedrama?

Müller-Stöver Darüber bin ich sehr unzufrieden, weil wir dem starken Elternwillen nicht entsprechen können.

Müsste der Anmeldetermin geändert werden, so wie das die CDU-Bildungspolitikerin Nicole Molinari gefordert hat? Sie will den gemeinsamen Anmeldetermin für alle.

Müller-Stöver Das hatten wir schon einmal; und es hat zu einem mittleren Chaos geführt. Die Eltern der an den Gesamtschulen abgelehnten Schüler hatten dann keine Gelegenheit mehr, ihr Kind woanders anzumelden. Diese Schüler mussten dann verteilt werden. Das hat zu einer großen Unzufriedenheit geführt. Optimal wären mehr Gesamtschulplätze. Das Problem liegt doch nicht am Anmeldeverfahren, sondern an den fehlenden Gesamtschulplätzen.

Wäre die vierte Gesamtschule die Lösung?

Müller-Stöver Wenn wir die Anmeldezahlen ernst nehmen, bräuchten wir nicht nur die vierte, sondern auch die fünfte Gesamtschule.

Ist der Anmeldeboom an den Gesamtschulen nicht in Wirklichkeit die Angst der Eltern vor der Hauptschule, auf die sie ihr Kind auf keinen Fall schicken wollen?

Müller-Stöver An den Gesamtschulen werden auch sehr viele Schüler angemeldet, die die Berechtigung fürs Gymnasium und für die Realschule haben. Eltern wissen, dass die Gesamtschule ein komplexes Angebot bietet und dass ihr Kind während der gesamten Schulzeit an der Schule bleiben kann.

Es ist paradox: Hauptschullehrer und Insider schätzen die Arbeit der Hauptschule. Eltern aber stimmen seit Jahren mit den Füßen gegen die Schulform ab. Kann die Hauptschule das Verlierer-Image abschütteln?

Müller-Stöver In unserem gegliederten Schulsystem, in dem Gymnasien und Realschulen Schüler an die Hauptschulen abgeben können, wird es immer eine so genannte Restschule von Verlierern geben. Trotz guter Arbeit kann die Hauptschule dieses Negativ-Image nicht ablegen, und es führt bei Schülern und Eltern zu einem hohen Motivationsverlust. Das ist das eigentlich Bedenkliche.

Also plädieren Sie für die Gemeinschaftsschule?

Müller-Stöver Eindeutig ja! Die Gemeinschaftsschule bietet Chancengerechtigkeit, weil sie jedem Kind entsprechend seiner schulischen Entwicklung ermöglicht, das jeweils optimale Ziel zu erreichen. Unsere Aufgabe als Politik ist, dass kein Kind ohne qualifizierten Abschluss die Schule verlässt.

Wie sieht die Realität derzeit an den Hauptschulen aus?

Müller-Stöver Nur zirka 40 Prozent der Hauptschüler können in eine Lehrstelle vermittelt werden. Politik darf und kann das nicht hinnehmen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder eine Berufsausbildung bekommen. Sonst riskieren wir weiterhin Jugendarbeitslosigkeit und damit verbunden den sozialen Abstieg.

Günter Tewes führte das Gespräch.

Quelle: RP

 
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